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Dogmatik

Theodizeefrage

Das Theodizeeproblem- Lösungsversuche

I Die Problemstellung

1) Das Wort „Theodizee“ hat Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) – siehe unten – geprägt. Es bedeutet, wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, „Anklage Gottes“ (griechisch: θεοῦ δίκη ).

2 ) a) Das Problem hat Epikur (341-270 vor Christi Geburt) nach Laktanz (De ira Dei)wie folgt formuliert:

„...deus inquit, aut uult tollere mala et non potest, aut potest et non uult, aut neque uult neque potest, aut et uult et potest.si uult et non potest, inbecillis est, quod in deum non cadit. si potest et non uult, inuidus, quod aeque alienum a deo. si neque uult neque potest, et inuidus et inbecillis est ,ideo nec deus, si et uult et potest, quod solum deo conuenit, unde ergo sunt mala? aut cur illa non tollit?“

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft.Oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist. Oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott. Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel, und warum nimmt er sie nicht hinweg?“

Da aber Gott in seiner Allmächtigkeit auch die Übel geschaffen hat

(Jes.45.7;Jer.45.5;Ps.88.7;Kl.3.36,37,38;Spr,16.4;Am3.6;;Sach.3.1Hiob1.6,2.1;Mat5.45 10.29;Luk.12.6;1.Kor.4.7;Rö.8.20,22),

ist bereits zu fragen:Warum hat er trotz seiner Güte die Übel überhaupt geschaffen?

b) Augustinus ( 245 – 430 ) hat sich gefragt:„ Movet autem animum, si peccata ex his animabus sunt, quas Deus creavit, illae autem animae ex Deo; quomodo non, parvo intervallo, peccata referentur in Deum.“
„Folgende Frage aber bewegt mein Gemüt: Wenn die Sünden aus der Seele kommen, die Gott geschaffen hat, jene Seelen aber aus Gott kommen: Wieso fallen dann die Sünden nicht mittelbar auf Gott zurück?“( De libero arbitrio I, §4 ).

c) Albert Camus ( 1885-1968) hat das Problem knapper gefasst:“Entweder ist Gott gut, dann ist er nicht allmächtig;oder aber er ist allmächtig, dann ist er nicht gut.“

d) David Hume (1711-1776) hatte sich wie folgt ausgedrückt: „Sofern das Böse in der Welt zu Gottes Plan gehört und er es toleriert“ - und, wie ausgeführt, geschaffen hat- „, kann er nicht gut sein; läuft es aber seinem Plan zuwider, ist er nicht allmächtig.Er kann nicht, wie die meisten Religionen es behaupten, zugleich gut und allmächtig sein.“


3) Die Übel werden traditionell ( die ersten beiden durch Augustinus ) wie folgt eingeteilt:

a) malum phyiscum, natürliches Übel : Lebewesen täuschen einander und fressen sich gegenseitig auf ; Naturkatastrophen treffen Unschuldige; Unvollkommenheiten in der unbelebten und in der belebten Natur, insbesondere Krankheiten, Missbildungen und Irrtümer;

b) malum morale, moralisches Übel: das sittlich Schlechte oder das Böse ;

c) malum metaphysicum, metaphysisches Übel: die Struktur des Seins als endlich und beschränkt;

d) strukturelles Übel: bedingt durch gesellschaftliche, rechtliche, politische, wirtschaftliche, ideologische Strukturen

e) theologisches Übel: Getrenntsein von Gott.

Diese Einteilung bezieht sich auf die Definition des Übels durch Augustinus (354-430): „malum est id, quod nocet“: ein Übel ist das, was schadet (De moribus Manichaeorum).

Allgemeiner gefasst umfasst der Begriff des Übels alles Negative.

In der Philosophie und in der Literatur spitzt sich die Theodizeefrage auf den Gegenstand des Bösen und des Leidens Unschuldiger zu.

Beispiele:

Georg Büchner (1813-1837):
„Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen....Das leiseste Zucken des Schmerzes ,und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten.“ (Dantons Tod, 3.Akt, 1. Szene).

Arthur Schopenhauer (1788-1860):
„Die traurige Beschaffenheit der Welt lässt sich nicht damit vereinigen, dass sie das Werk vereinter Allgüte, Allweisheit und Allmacht sei.“
„Wenn ein Gott diese Welt geschaffen hat, so möchte ich nicht der Gott sein: der Anblick ihres Jammers würde mir das Herz zerreißen.“
„Man sagt, dass wir nach dem Tode vom Himmel zur Rechenschaft gezogen werden: ich meine, dann könnten wir zunächst vom Himmel Rechenschaft fordern über die mauvaise plaisanterie dieses Daseyns , das wir haben durchmachen müssen, ohne je zu erfahren, warum und wofür.“

Fjodor M. Dostojewski (1821-1881):
„Stell dir vor, du selbst errichtetest das Gebäude des Menschenschicksals mit dem Endziel, die Menschen zu beglücken, ihnen endlich Frieden und Ruhe zu geben, aber du müsstest dazu unbedingt und unvermeidlich nur ein einziges winziges Geschöpf zu Tode quälen, beispielsweise jenes kleine Kind, das sich mit den Fäustchen an die Brust schlug, und auf seine ungerächten Tränen dieses Gebäude gründen- wärest du unter dieser Bedingung bereit, der Architekt zu sein?...Und könntest du es für möglich halten, dass die Menschen, für die du baust, bereit wären, ihr Glück um den Preis des ungerechtfertigten Blutes eines zu Tode gequälten Kindes zu empfangen und danach für ewig glücklich zu bleiben?“ (Die Brüder Karamasow 331f )

Romano Guardini (1885-1968):
„Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege,das Leid der Unschuldigen, die Schuld?“ (nach Walter Dirks)


II Bisherige Lösungsversuche (Auswahl)

1) Epikur,von dem das Ausgangszitat stammt, hat am angegebenen Ort resümiert:

„Vides ergo magis propter mala opus esse sapientia: quae nisi fuissent proposita, rationale animal non essemus.“
„Du siehst also, dass wir die Weisheit vor allem wegen des Bösen benötigen. Wenn dieses
nicht vorhanden wäre, wären wir keine vernünftigen Lebewesen.“

Die Begründung ist nicht überliefert.

2) Für Heraklit (ca.540-480 v. Chr.) sind Gegensätze nur Erscheinungsformen Ein-und Desselben. Dies ist auch eine Grunderkenntnis der Quantenphysik.Das gilt auch für die Gegenstände von Wertungsgegensätzen.

„...καὶ ἀγαθὸν καὶ κακόν ( ἕν ἐστιν )” (Hippol. IX, Fragment 58 )

„...und Gut und Übel ist eins.“

Es bleiben die Fragen: Warum erscheinen uns Gegensätze als solche? Warum lässt uns Gott am Gegensatz von Gut und Übel leiden?

3) Bei Sophokles (497/6-406/5 v. Chr.) heißt es herzerfrischend ( Die Trachinierinnen, Verse 1268ff ) :

“oἳ (οἱ θεοὶ ) φύσαντες καὶ κλῃζόμενοι
πατέρες τοιαῦτ' ἐφορῶσι πάθη.
Τὰ μὲν οὖν μέλλοντ' οὐδεὶς ἀφορᾷ,
τὰ δὲ νῦν ἑστῶτ' οἰκτρὰ μὲν ἡμῖν,
αἰσχρὰ δ' ἐκείνοις”

“Sie (die Götter) lassen als Väter, als Stifter laut
sich preisen und sehn solch Leid mit an!
Was künftig geschieht, kann keiner erschaun.
Was vor uns steht, ist ein Jammer für uns,
Schmach ist es ihnen.“

4) Bei Platon (427-347 v.Chr.) heißt es dazu im „Phaedon“:
„.... und überhaupt an allem, was eine Entstehung hat, lass uns zusehen, ob etwa alles so entsteht, nirgend anders her als jedes aus seinem Gegenteil, was nur ein solches hat, wie doch das Schöne von dem Hässlichen das Gegenteil ist und das Gerechte von dem Ungerechten, und ebenso tausend anderes sich verhält. Dieses also lass uns sehen, ob nicht notwendig, was nur ein Entgegengesetztes hat, nirgend anders her selbst entsteht als aus diesem ihm Entgegengesetzten. So wie, wenn etwas größer wird, muss es doch notwendig aus irgend vorher kleiner Gewesenem hernach größer werden?....Nicht auch, wenn es kleiner wird, wird es aus vorher Größerem ja nach kleiner?.... und ebenso aus Stärkerem das Schwächere und aus Langsameren das Schnellere?....Und wie? Wenn etwas schlechter wird, nicht aus Besserem und, wenn gerechter, nicht aus Ungerechtem?.... Dies also.....haben wir sicher genug, dass alle Dinge so entstehen, das Entgegengesetzte aus dem Entgegengesetzten.....Und wie? Gibt es nicht auch so etwas dabei wie zwischen jeglichem Entgegengesetzten, was doch immer zwei sind, auch ein zweifaches Werden von dem einen zu dem anderen und von diesem wieder zu jenem zurück? Wie zwischen dem Größeren und Kleineren Wachstum und Abnahme ist, und so nennen wir auch das eine Wachsen, das andere Abnehmen....Nicht durch Aussondern und Vermischen, Abkühlen und Erwärmen und so alles, wenn wir auch bisweilen die Worte dazu nicht haben, muss sich doch die Sache nach überall so verhalten, dass eines aus dem anderen entsteht, und dass es ein Werden von jedem zu dem anderen gibt...“

Hier wird allerdings zwischen den Arten von Gegensätzen nicht ausreichend differenziert. So ist das Positive (zum Beispiel das Gute) vom Negativem (zum Beispiel den Übeln) durch das Neutrale (Normale) getrennt (dazu unten).

5) Bei Aischylos (525-456 v. Chr.) wird die Theodizeefrage tabuisiert. In „Der gefesselte Prometheus“ entspinnt sich folgender Dialog:

„ Chorführer: Wer also ist es, der des Notzwangs Steuer führt?
Prometheus: Moiren, dreifaltge, und Erinnyen, schuldbedacht.
Chorführer: Also steht Zeus, an Macht der schwächere, ihnen nach?
Prometheus: Nicht kann er ja entfliehen dem ihm verhängten Los.
Chorführer: Was wäre Zeus bestimmt sonst, als stets Herrscher sein?
( τί γὰρ πέπρωται Ζηνὶ πλὴν ἀεὶ κρατεῖν;)
Prometheus: Dies darfst du nicht noch hören; dränge nicht darauf!
( τοῦτ' οὐκέτ' ἂν πύθοιο λιπάρει.)
Chorführer: Ist's etwas Heiliges, was du bergend in dich schließt?
Prometheus: Von etwas anderem redet: dies ist keineswegs
reif zur Verkündung, nein, einhüllen muss man es
so tief wie möglich...“

6) Gellius (2. Jh. n. Chr.) zitiert Chrysipp ( 281/78 – 265 v. Chr. ; viertes Buch: Über die Vorsehung) wie folgt:

„Es gibt wahrlich nichts Einfältigeres als die Leute, die der Meinung sind, es könne das Gute geben, ohne dass es eben dabei das Böse gebe. Denn da das Gute dem Bösen konträr entgegengesetzt ist, müssen notwendig beide sich einander gegenüberstehen und als etwas zusammenbestehen,was sich sozusagen gegeneinander anstemmt und sich dadurch wechselseitig stützt und bedingt.Ein solches Konträres ist also nie ohne das zugehörige andere Konträre. Denn wie könnte es eine Wahrnehmung von Gerechtigkeit geben, wenn es keine Ungerechtigkeiten gäbe? Oder was anderes ist Gerechtigkeit als die Entfernung von Ungerechtigkeit?....... warum wünschen törichte Menschen nicht ebenso, dass es Wahrheit gibt, ohne dass Falschheit auftritt? Denn Güter und Übel, Glück und Unglück, Schmerz und Lust existieren auf dieselbe Weise;Scheitel gegen Scheitel, wie Platon sagte, sind sie eins ans andere gebunden...“



7) Die Bibel tabuisiert die Theodizeefrage nur scheinbar, wenn es bei Jesaja (45.9) heißt:

„Sagt wohl zu seinem Töpfer der Lehm:“Was machst du da?“ Und „Dein Werk hat nicht Hand und Fuß?““
und dieses Gleichnis im Römerbrief (9.20) wie folgt aufgenommen wird:

„Wird etwa das Gebilde zu seinem Bildner sagen:“Warum hast du mich so gemacht?““
( μὴ ἐρεῖ τὸ πλάσμα τῷ πλάσαντι· τί με ἐποίησας οὕτως;)

ferner, wenn der wegen seiner Leiden Gott anklagende Hiob sich auf die lange „Gardinenpredigt“ Gottes hin zufriedengibt mit der Einsicht:

„Darum bekenne ich, daß ich habe unweislich geredet, das mir zu hoch ist, und ich nicht verstehe“.

Den Schlüssel zur Interpretation dieser drei Bibelstellen liefern die Worte,mit denen Gott seine Schelte Hiobs einleitet ( Hiob 38.4-6):

„Wo warst du, da ich die Erde gründete?Sage mirs, bist du so klug? Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat?Oder wer über sie eine Richtschnur gezogen hat?“

Gott hält Hiob damit vor,dass dieser ihn ja nur deshalb kritisieren könne, weil er ihm den Maßstab hierfür zur Verfügung gestellt habe, also auch die Möglichkeit einer negativen Wertung der Schöpfung erst geschaffen habe. Er, Gott, selbst unterliege den von ihm ja erst geschaffenen Kriterien wie Gut und Schlecht/Böse nicht.

Das obige Töpfer-(Bildner-) Gleichnis besagt daher: So, wie der Töpfer dem Gefäß erst Materialität, Maß, Gestalt und Aussehen verleiht, ohne selbst aus diesem Material zu bestehen und mit diesen Maßen, Formen und Anstrichen sowie Ornamenten verglichen werden zu können, so hat Gott den Wertungsgegensatz von Gut und Schlecht geschaffen, ohne dass dieser auf ihn selbst übertragen werden könnte . Wenn der Tonkrug wegen seiner Zerbrechlichkeit den Töpfer kritisiert, dann verkennt er, dass er ohne seine Zerbrechlichkeit überhaupt kein Tonkrug wäre.Wenn der Mensch wegen seiner Leiden Gott als Schöpfer kritisiert, dann verkennt er, dass er ohne die Leiden kein Mensch wäre.

Dass Gott die Möglichkeit einer Wertung als gut und schlecht erst mit seiner Schöpfung geschaffen hat und er selbst daher bei dieser einer solchen -entsprechend seiner Allmacht –nicht unterworfen war, sondern darüber erhaben ist,belegt auch die (erste) Schöpfungsgeschichte.Nach 1.Mos.1,10;12: 18;21;25;31 unternahm Gott erst die jeweiligen Schöpfungsschritte; danach bewertete er sie jeweils als gut, zuletzt als sehr gut.Die Schöpfungsakte hatten also noch weder Grund noch Ziel, sondern Grund und Ziel wurden erst mitgeschaffen, so dass erst dann die Beurteilung – aufgrund des ebenfalls erst geschaffenen Maßstabes des Gegensatzes von Gut und Schlecht – möglich war.Gott ist nicht überbestimmt durch Gründe und Ziele oder einen Maßstab zur Bewertung seines Handelns. All dies hat er mit seiner Schöpfung erst mitgeschaffen.

Daher hat Gott die Tröster Hiobs wegen deren Versuche, ihn ,Gott,zu rechtfertigen, getadelt (Hiob 42,7).

Soweit Gott in seiner Rede an Hiob eine Vielzahl von Beispielen für seine Mächtigkeit angeführt hat – obwohl Hiob nicht diese, sondern seine Gerechtigkeit bezweifelt hatte -, so wollte er damit wohl vor Augen führen, dass in einer Schöpfung, die solche Großartigkeiten aufweist,auch das Leid seinen wohlbestimmten Platz einnimmt.

Die Güte Gottes reicht daher über das, was wir – als Gegensatz zum Schlechten – für gut halten, unendlich hinaus.Sie ist die Unvergleichlichkeit Gottes,die Erhabenheit über Gegensätze wie den von Gut und Böse, in der auch das schlimmste Böse nicht nur einfach in letzter Instanz aufgeht, sondern „aufgehoben“ ist, nicht lediglich im Sinne von „verschwunden“, sondern im Sinn von (im Ursprung) „geborgen“ (nämlich letztlich in der – zeiterhabenen- Erlösung durch Christus).

Nach der herrschenden Meinung in der christlichen Theologie allerdings bieten das Buch Hiob und die Bibel insgesamt keine Lösung des Theodizeeproblems . Dieses gilt ihr als unlösbar. Sie setzt auf eine eschatologische Überlagerung des Problems durch das Neue Testament.Die Liebe Gottes (1. Joh. 4.8:“...ὅτι ὁ θεὸς ἀγάπη ἐστίν - denn Gott ist Liebe“) ist Verheißung. Sie ist in Christus Jesus (Röm.8.39.“...οὔτε.... οὔτε ...δυνήσεται ἡμᾶς χωρίσαι ἀπὸ τῆς ἀγάπης τοῦ θεοῦ τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ...- weder... noch... kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist...“). Sein Tod zeigt, dass die Liebe Gottes nicht an der Welt ablesbar ist, seine Auferstehung, dass die Übel der Welt in Gott aufgehoben sind.

8) Jesus ( ca.7v.Chr. - ca.30 n.Chr.) wird das folgende Zitat zugeschrieben ( sog. Àgraphon, Dialog des Erlösers 34, Gnosis):

„ Wenn jemand nicht in der Dunkelheit steht, wird er das Licht nicht sehen können.“

Aber warum dieser Gegensatz?

„Qui mecum sunt, non me intellexerunt – die mit mir sind, haben mich nicht verstanden.“ ( Àgraphon; Act. Petr. 10; Actus Vercellenses )

Warum nicht?

„καὶ ἐν ἐκείνῃ τῇ ἡμέρᾳ ἐμὲ οὐκ ἐρωτήσετε οὐδέν – und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.“

9) Augustinus (siehe oben) verweist auf den Gesamtzusammenhang der Schöpfung Gottes:

„So verwandelt sich selbst das durch seine Unzuträglichkeit Verderben bringende Gift bei geeignetem Gebrauch in heilsame Arznei, während andererseits auch die Freude spendenden Dinge, wie Speise oder Tageslicht, bei unmäßigem und unzeitigem Gebrauch sich als schädigend erweisen.“ Warum aber diese Hürden bez. Grenzen?

„Im Grund fehlt uns Menschen nur der Blick für die Ordnung und unendliche Symmetrie der Schöpfung.“ Aber warum ist uns diese r Blick nicht gegeben?

„Denn wäre das Nichtvorhandensein des Bösen nicht doch gut, dann würde es keinesfalls zugelassen vom allmächtigen Guten, für den es doch zweifelsohne ebenso leicht ist, nicht zuzulassen, was er nicht will, wie es ihm ein Leichtes ist, zu machen, was er will.“
Wie bereits oben ausgeführt, geht es nicht erst um das „Zulassen“, sondern bereits um das „Schaffen“, denn woher soll das gekommen sein, was zugelassen wird?

Das Argument des Augustinus läuft letztlich auf das von Christian Morgenstern ironisiert Motto hinaus, „dass nicht sein kann, was nicht sein darf.“

„Der Mensch, der aus freiem Willensentschluss das Gute tut, ist besser als der, der aus Notwendigkeit gut ist.“

Hier ist jedoch schon gegen die Prämisse der Willensfreiheit zumindest folgendes einzuwenden:

Exkurs:

Es handelt sich um ein Scheinproblem, das auf ungenauer Begrifflichkeit beruht.

I Problemstellung: Es geht nicht um die (objektive) Handlungsfreiheit, also die Möglichkeit mehrerer Verhaltensweisen. Diese ist selbstverständlich. Vielmehr geht es um die (subjektive) Freiheit des Willens, also die Möglichkeit unabhängiger eigener Willensbestimmung.
Dass es einen Willen frei von einer Fehl- oder Fremdbestimmung durch Irrtum, physische und psychische Störung, Täuschung, Drohung, physische und psychische Gewalt gibt, ist selbstverständlich.
Welche Freiheit bleibt aber außerdem noch für den Willen? Wovon soll er noch frei sein können ?

II Gemeint sein kann doch nicht: frei von seiner Bildung, denn es geht ja gerade darum, ob er frei gebildet werden kann. Die physischen und psychischen willensbildenden Faktoren wie Anlage, Erfahrung (auch durch Strafen), situative physische und psychische Disposition usw. sind durch den Willensträger nicht beeinflussbar. Wie soll der Wille dann noch frei auch ohne sie bestimmt werden können? Er müsste frei von seiner Bildung sein, was ein Widerspruch wäre. Es müsste zwischen mehreren Willen gewählt werden können, ohne dass diese Wahl gebildet würde.Die Wahl ist jedoch Entscheidung und setzt daher Willen voraus, der irgendwie gebildet werden muss, wenn es sich nicht um Willkür im Sinne subjektiver Beliebigkeit rein zufälligen Handelns – falls es ein solches ursachenloses Verhalten überhaupt gibt - handeln soll.
Man kann nicht zwischen mehreren Willen wählen, ohne den Willen, den man wählt, bereits zu haben. Arthur Schopenhauer hat das wie folgt ausgedrückt: „Du kannst THUN was du WILLST: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur Ein Bestimmtes WOLLEN und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine.“(Preisschrift über die Freiheit des Willens). Einstein hat dieses Zitat wie folgt rezitiert: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will“ („Mein Weltbild“). Kurz gefasst: Man kann zwar etwas tun wollen, aber nicht etwas wollen wollen. Ich kann zwar das „Für und Wider“ einer Handlung abwägen, die Entscheidung (beziehungsweise Unentschiedenheit oder Entscheidungsänderung aufgrund Neuabwägung) habe ich jedoch nicht in der Hand. Ich kann nicht sagen: „Ich will das, tue es aber nicht.“ Denn die Entscheidung, es nicht zu tun, ist dann eben der endgültige Wille. Ich kann nur „Wünschen“ entsagen, aber eben aufgrund des Willens, sie nicht zu erfüllen.
Soweit zum logischen Aspekt des Problems.

III Unter empirischem Aspekt geht die Diskussion über die Willensfreiheit ins Leere. Denn solange wir nicht wissen, was die körperlich – geistige Erscheinung des Bewusstseins, gar des Selbstbewusstseins, ist, können wir auch nicht wissen, was die ebenfalls geistig-körperliche Erscheinung des Willens ist. Aber erst, wenn man weiß, was etwas ist, kann man erklären wie es entsteht, falls solche Begriffe dann bei körperlich-geistigen Erscheinungen überhaupt noch greifen, woran die Erkenntnisse der Quantenphysik zweifeln lassen.

IV Zum theologischen Aspekt kann auf Martin Luther verwiesen werden. Er hat sich vehement gegen die Annahme eines freien Willens gewandt und eine Streitschrift gegen Erasmus von Rotterdam, der die Freiheit des Willens verfocht ( „De libero arbitrio“- Über den freien Willen ), verfasst mit dem Titel. „ De servo arbitrio “ ( Über den unfreien Willen). Darin heißt es: „At talem oportere esse Deum, qui libertate sua necessitatem imponat nobis , ipsa ratio naturalis cogitur confiteri.- Concessa praescientia et omnipotentia, sequitur naturaliter, irrefragibili consequentia, nos per nos ipsos non esse factos, nec vivere, nec agere quidquam, sed per illius omnipotentiam.- Pugnat ex diametro praescienta et omnipotentia Dei cum nostro libero arbitrio.- Omnes homines coguntur inevitabili consequentia admittere, nos non fieri nostra voluntate, sed necessitate; ita nos non facere quod libet, pro jure liberi arbitrii, sed prout Deus praescivit et agit consilio et virtute infallibili et immutabili...“ - „Aber dass Gott ein solcher sein muss, welcher vermöge seiner Freiheit uns der Notwendigkeit unterwirft, das muss schon die natürliche Vernunft zugeben. - Wenn man die Allwissenheit und Allmacht zugesteht, so folgt naturgemäß und unwidersprechlich, dass wir nicht durch uns selbst gemacht sind oder leben oder irgendetwas tun, sondern nur durch seine Allmacht – Die Allwissenheit und Allmacht Gottes steht in diametralem Widerspruch zu der Freiheit unseres Willens. - Alle Menschen werden mit unvermeidlicher Konsequenz gezwungen, anzuerkennen, dass wir nicht durch unseren Willen, sondern vielmehr aus Notwendigkeit geschehen; so tun wir also nicht, was uns beliebt, nach dem Gebot unseres freien Willens, sondern handeln so, wie Gott es vorgesehen hat und durch unfehlbaren und unwandelbaren Ratschluss und Willen ausführt. “
Das bedeutet zwar, dass Gott auch für die Sünden verantwortlich ist ( Der Satan wird im Buch Hiob, 1. Kap., Vers 6, und 2. Kap. ,Vers 1, als Gottessohn bezeichnet; insbes.in Jes.45,7; Jer.45,5; Kl.3,38; Am.3,6; Matth.5.45, wird Gott auch als Schöpfer des Übels und des Bösen charakterisiert), was Luther nicht verkennt ( „In Christus ist der unbegreifliche, schreckliche, allmächtige, majestätische Gott mir gnädig“; Brief vom 30. April 1531 an Barbara Lisskirchen, LD X Briefe, S. 246-228). Doch auch die Verleihung eines freien Willens an die Menschen zur Entscheidung zwischen Gut und Böse entlastet ihn nicht.Denn hierfür musste er in seiner Allmächtigkeit zunächst den Gegensatz zwischen Gut und Böse sowie den Gegensatz zwischen Freiheit und Notwendigkeit geschaffen haben. Und in seiner Allwissenheit musste er jede Entscheidung für das Böse vorausgesehen haben, so dass sie von seinem Schöpferwillen umfasst wird, abgesehen davon, dass er über diese menschliche Begriffswelt erhaben ist.
Im übrigen ist überhaupt nicht einzusehen, weshalb die Willensfreiheit ein menschliches Privileg sein soll. Schon die alltägliche Beobachtung des tierischen Verhaltens spricht dagegen.

V Erkenntnistheoretisch gesehen, geht das Problem von falschen Prämissen aus. Spätestens die modernen Naturwissenschaften haben uns gelehrt, dass unser begriffliches Denken, insbesondere das Denken in Gegensätzen, außerhalb des sinnlichen Vorstellungsbereiches versagt.So besteht in der Quantenphysik zwischen Determinismus und Indeterminismus ein Verhältnis der Komplementarität (statistische Kausalität). Freiheit und Notwendigkeit der Willensbildung – ein Vorgang außerhalb unseres sinnlichen Vorstellungsbereiches - schließen sich daher nicht gegenseitig aus.
Die Aussage-und Beweiskraft der neueren Experimente, wonach Entscheidungen unbewusst getroffen und erst mit zeitlicher Verzögerung bewusst werden, kann daher dahinstehen.

VI In ethischer Hinsicht enthebt uns eine Unfreiheit der Willensbildung nicht der Verantwortung für unser Verhalten. Denn die Verantwortung liegt nicht in einer Freiheit der Willensbestimmung, sondern in der eigenen Willensbestimmung, der Selbstbestimmtheit. Die nicht fehlbeeinflussten willensbildenden Faktoren sind Ausdruck der eigenen Persönlichkeitsprägung, des „Charakters“ ( grch.:χαρακτήρ ). Der Mensch hat dafür einzustehen und sieht dies intuitiv auch so. Alles andere würde letztlich bedeuten, dass man sich mit seiner Existenz nicht abfindet („Entschuldige, dass ich geboren bin!“).Schon die bloße körperliche Existenz begründet “Verantwortung“, so zum Beispiel dass man bei einer Begegnung mit anderen gegenseitig ausweicht, um nicht zusammenzustoßen. Tut man das (bewusst) nicht, fühlt man sich im Falle eines Zusammenstoßes ganz selbstverständlich mitverantwortlich.
Die Freiheit des Willens ist also allenfalls transzendental (Schopenhauer a.a.O. : „ Die FREIHEIT ist also durch meine Darstellung nicht aufgehoben, sondern bloß hinausgerückt, nämlich aus dem Gebiete der einzelnen Handlungen, wo sie erweislich nicht anzutreffen ist, hinauf in eine höhere, aber unserer Erkenntniß nicht so leicht zugängliche Region: d.h. sie ist transcendental“), in Gottes Gnade begründet (Luther).Doch können diese Bereiche logischerweise nicht mehr von Gegensätzen wie Freiheit und Notwendigkeit transzendentiert werden.

Ende des Exkurses.

Mit Schopenhauer (siehe oben und unten) ist zu resümieren:

„So nämlich fällt auch hier, trotz allen(sic!) Bemühungen und Sophismen des Augustinus, die Schuld der Welt und ihre Qual stets auf den Gott zurück, der Alles und in Allem Alles gemacht und dazu noch gewusst hat, wie die Sachen gehen würden.“(Die Welt als Wille und Vorstellung,§70 Fßn.)

Weiser als das vorstehend abgehandelte ist daher ein anderes Zitat von Augustinus:

„Si comprehendis, non est Deus – Wenn Du verstanden hast, dann ist es nicht Gott.“

10) Thomas von Aquin (1225-1274):
„Gott steht außerhalb jeder Art zu sein“(„Deus non est in genere.“ Summa theologiae.I,quaestio 3,a.5 ).

„Menschliche Gotteserkenntnis gipfelt darin, zu begreifen, dass Gott unbegreiflich ist“ ( „Illud est ultimum cognitionis humanae de deo quod sciat se deum nescire.“( De potentia, qu.7, a.5).

„Wir wissen nicht, was Gott ist, sondern eher, was er nicht ist. Gott ist nicht schlecht und nicht böse. Aber die positive Aussage „Gott ist gut“ gibt nicht wieder, was Gott ist, denn der Begriff, den wir Menschen von „gut“ haben, bezieht sich auf die Gottheit, die in der endlichen Welt angetroffen werden kann. Das Gute in der Welt ist begrenzt und mangelhaft, die Gutheit, die zu Gott gehört, ist in der Welt eben nicht vorhanden. Was das herrschende Denken als „ gut“ präsentiert, ist nicht gut; und was wir normalerweise als „gut“ verkaufen, ist nicht ganz gut. Das, worauf das Wort „gut“ letztlich hinweisen will, ist im eigentlichen Sinne in Gott zu finden und erst in einem abgeleiteten Sinn in der Schöpfung. Wenn also die wahre Gutheit in Fülle nur bei Gott zu finden ist, so liegt diese Gutheit doch in der Richtung dessen, was Menschen in ihrem Leben an Gutheit, an Güte, als gut erfahren und was sie an Gutheit und Güte ersehnen. Deshalb ist es viel adäquater, Gott gut zu nennen, als irgend ein Geschöpf. Und deshalb muss gewiss verneint werden, dass Gott schlecht ist, aber es muss gerade nicht verneint werden, dass Gott gut ist“ ( vgl. Summa theologiae I q.1 a.9 ad 3; I q.7 a.1; q.12 a.1;q.13 a.3; q.6 a. 1-4; nach Hans Kessler ).

11) Meister Eckhart (1260-1328):

„Zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: Der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist – Gott.“
„Gott kommt nicht das Sein zu, noch ist er ein Seiendes, sondern er ist etwas Höheres als das Seiende.“
„Sage ich demnach: Gott ist gut – es ist nicht wahr; ich vielmehr bin gut, Gott aber ist nicht gut! Sage ich ferner: Gott ist Sein – es ist nicht wahr; er ist vielmehr ein überseiendes Sein und eine überseiende Nichtheit!.... Hätte ich einen Gott, den ich erkennen könnte, ich würde ihn nimmer für Gott ansehen.“
„Gott ist nicht liebenswert: Er ist über alle Liebe und Liebenswürdigkeit erhaben.“

12) Nikolaus von Kues ( 1401-1464 ) über Gott als ein über jeglichen Gegensatz, auch den von Sein und Nichts, erhabenes Nichts:

„ Non esse ergo ibi est omnia esse.“

„Nichtsein ist daher dort Allessein“


13) Martin Luther (1483-1546):

„At Deum non inveniri nisi in passionibus et cruce, iam dictum est – Aber es ist schon gesagt, dass Gott nur in Leiden und Kreuz zu finden ist.“( These XXI. Disputatio Heidelbergae habita. 1518 )

„Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt scheint.“

„Ich selbst bin mehr als einmal bis zum Abgrund und zur Hölle der Verzweiflung erschüttert gewesen, so dass ich sogar wünschte, ich wäre nie als Mensch geschaffen worden, ehe denn ich wusste, wie heilsam eine solche Verzweiflung ist und wie nahe der Gnade.“ (LD 288/Mü 153)

„Die menschliche Vernunft wird aufgebracht, welche, obwohl sie in allen Worten und Werken Gottes blind, taub, töricht, gottlos und gotteslästerlich ist, an dieser Stelle als Richterin über die Worte und Werke Gottes herangezogen wird.“ (LD 273/ Mü 138)

„Aus der Tiefe zu Gott rufen

Du bist ein wunderbarer, liebevoller Gott.
Du regierst uns wunderbar und freundlich.
Du erhöhst uns, wenn du uns erniedrigst.
Du machst uns gerecht, wenn du uns zu Sündern machst.
Du führst uns gen Himmel, wenn du uns in die Hölle stößt.
Du gibst uns Sieg, wenn du uns unterliegen lässt.
Du tröstet uns, wenn du uns trauern lässt.
Du machst uns fröhlich, wenn du uns heulen lässt.
Du machst uns singen, wenn du uns weinen lässt.
Du machst uns stark, wenn wir leiden.
Du machst uns weise, wenn du uns zu Narren machst.
Du machst uns reich, wenn du uns Armut schickst.
Du machst uns zu Herren, wenn du uns dienen lässt.“


14) Den bekanntesten Versuch einer Lösung des Theodizeeproblemes hat der bereits eingangs erwähnte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) unternommen. Verkürzt ausgedrückt, lautet er: Wegen der Allgüte Gottes ist die von ihm geschaffene Welt die beste aller möglichen Welten.

Damit beraubt Leibniz Gott seiner Allmächtigkeit Denn wenn Gott nur unter ihm vorgegebenen Möglichkeiten wählen konnte,wird er von Möglichkeiten überbestimmt (transzendiert).

Arthur Schopenhauer (1788-1860) höhnte: „Diese Welt ist nicht die beste unter den möglichen, sondern die schlechteste, eine schlechtere könnte nicht einmal bestehen.“ Es sei „eine Absurdität, diese Welt,diesen Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch besteht, dass eines das andere verzehrt,und in welcher mit der Erkenntnis die Fähigkeit Schmerz zu empfinden wächst, als die beste unter den möglichen Welten demonstrieren zu wollen.“
„Wenn auch die Leibnizische Demonstration, dass unter den möglichen Welten diese immer noch die beste sei, richtig wäre, so gäbe sie doch noch keine Theodicee, denn der Schöpfer hat ja nicht bloß die Welt, sondern auch die Möglichkeit selber geschaffen, er hätte demnach diese darauf einrichten sollen, dass sie eine bessere zuließe.“


15) Nach David Hume (1711-1746) ist eine Theodizee, die Sinnliches und Übersinnliches durch Gründe verknüpfen will, nicht nur deshalb unmöglich, weil ihre Probleme außerhalb jeder Erfahrung liegen, sondern auch deshalb, weil wir mit Begründen und Beweisen überhaupt zu keiner objektiven Erkenntnis kommen.Zwischen dem, was wir Ursache (Grund), und dem, was wir Wirkung nennen, bestehe keine innergesetzliche Verbindung, sondern das bloße Band gewohnheitsmäßiger Erfahrung (.was den Erkenntnissen der Quantenphysik entspricht; Naturgesetz oder Kausalgesetz seien nur Namen für statistische Regelmäßigkeiten, so der Physiker Erwin Schrödinger). Das „post hoc“ ist kein „propter hoc“.

Wenn wir nach Gründen und Zielen (Sinn und Zweck) fragen – hier: in Bezug auf die Übel der Welt-, fragen wir nach zeitlichen Zusammenhängen.Gott kann aber der Zeit nicht unterliegen, da er sie ja erst geschaffen hat (abgesehen davon,dass es sich bei der Zeit nach den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften lediglich um ein geistiges Konstrukt handelt).

„Was für ein besonderes Vorrecht hat diese kleine Bewegung des Gehirns, die wir Denken nennen, dass wir sie in dieser Weise zum Modell des ganzen Universums machen?“( i. d. P. Philo )

16) Voltaire ( 1694-1778):
„Ein Vater, der seine Kinder umbringt, ist ein Ungeheuer; ein König, der seine Untertanen in eine Falle lockt, um einen Vorwand für ihre Bestrafung zu finden, ist ein abscheulicher Tyrann. Wenn man sich Gott so gütig und so gerecht vorstellt, wie ein Vater und ein König es sein sollen, gibt es keine Möglichkeit mehr, ihn zu rechtfertigen. Wenn man ihm unendliche Weisheit und Güte zuschreibt, macht man ihn grenzenlos verhasst, erweckt den Wunsch, dass er nicht existieren möge, und gibt dem Atheisten Waffen in die Hand, und er wird immer sagen dürfen: Es ist besser, überhaupt nicht an einen Gott zu glauben, als Gott gerade das zur Last zu legen, was man bei den Menschen bestrafen würde. - Stellen wir also zunächst fest: Es steht uns nicht an, Gott menschliche Eigenschaften zuzuschreiben und ihn uns nach unserem Bilde vorzustellen. Menschliche Gerechtigkeit, Güte und Weisheit passen nicht zu ihm. Auch wenn man sich diese Eigenschaften unendlich vergrößert denkt, bleiben sie doch immer nur erweiterte menschliche Eigenschaften. Ebenso gut könnten wir Gott unendliche Undurchdringlichkeit, unendliche Bewegung, runde Gestalt und unendliche Teilbarkeit zuschreiben. Solche Eigenschaften kann er nicht besitzen.
Die Philosophie lehrt uns, dass diese Welt von einem unbegreiflichen, ewigen und durch sich selbst bestehenden Wesen eingerichtet worden sein muss; aber, um es noch einmal zu betonen, sie sagt uns nichts über die Eigenschaften dieses Wesens. Wir wissen zwar, was es nicht ist, aber wir wissen nicht, was es ist.
Für Gott gibt es kein Gut und kein Übel, weder in physischer noch in moralischer Hinsicht.“

17) Immanuel Kant (1724-1804) hat in seiner Schrift „Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“(1791) dieses Misslingen damit begründet, „dass unsere Vernunft zur Einsicht des Verhältnisses, in welchem eine Welt, so wie wir sie durch Erfahrung immer kennen mögen, zu der höchsten Weisheit stehe, schlechterdings unvermögend sei“ (A 209f).

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“

„Aller Irrtum besteht darin, dass wir unsere Art, Begriffe zu bestimmen oder abzuleiten oder einzuteilen, für Bedingungen der Sachen an sich halten.“

18) Novalis (1772-1801):
„Alles widerspricht sich.“

19) Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) :

„ Freud muss Leid, Leid muss Freude haben.“(Mephistopheles, Faust, Vers 2923)

„Die Welt, durch Vernunft dividiert, geht nicht auf.“

20) Stendhal ( 1783 – 1842 ):

„Die einzige Entschuldigung für Gott besteht darin, dass er nicht existiert.“

21) Sören Kierkegaard (1813 – 1855 ):

„Glauben bedeutet, den Verstand verlieren, um Gott zu gewinnen.“

22) Arthur Schopenhauer (1788-1860):

„Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, dass wir da sind, um glücklich zu sein.“

„Etwas erkennen nach dem, was es ganz an und für sich sei, ist für alle Ewigkeit unmöglich: weil es sich widerspricht. Denn sobald ich erkenne, habe ich eine Vorstellung: diese muss aber, eben weil sie meine Vorstellung ist, verschieden sein von dem Erkannten und kann nicht mit demselben identisch sein.“

23) Friedrich Nietzsche (1844-1900):

„Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte.“ (Zarathustra)

24) Oscar Wilde ( 1854-1900):

„Der Weg zur Wahrheit ist mit Paradoxien gezeichnet.“

25) Sigmund Freud (1856-1939):

„Die Absicht, dass der Mensch „glücklich“ sei, ist im Plan der „Schöpfung“ nicht enthalten.“

26) C.G. Jung (1875-1961):

„ Mann ist nicht auf der Welt, um glücklich zu sein.“

27) Christian Morgenstern (1871-1914):

„ Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopf begreifen ließe.“

„Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das heißt durch und durch unbegreiflich, so weiß ich nicht, warum man dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den Namen Gott sollte geben dürfen.“

28) Gilbert K. Chesterton (1874 – 1936 ):

„Die Rätsel Gottes sind befriedigender als die Lösungen der Menschen.“

29) Hermann Hesse (1877-1962) liebt Gott im Trotz:

„Gebet

Lass mich verzweifeln, Gott, an mir,
Doch nicht an dir!
Lass mich des Irrens ganzen Jammer schmecken,
Lass alles Leides Flammen an mir lecken,
Lass mich erleiden alle Schmach,
Hilf nicht mich erhalten,
Hilf nicht mich entfalten!
Doch wenn mir alles Ich zerbrach,
Dann zeige mir,
Dass du es warst,
Dass du die Flammen und das Leid gebarst,
Denn gern will ich verderben,
Will gerne sterben,
Doch sterben kann ich nur in dir.“

„Der Einsame an Gott
…......
Trotzdem, o Gott, wenn auch Dein Finger tief
Und voll blinder Wollust in meiner Wunde wühlt,
Trotzdem sollst Du mich nicht verzagen,
Nicht im Staube knieen und weinen sehn,
Denn Dein heimlichster Wunsch, Grausamer,
Tönt ja doch unbesiegbar im Herzen mir,
Und das Leben zu lieben,
Und das sinnlose Leben wild und sinnlos zu lieben
Hab ich in aller Verfolgung,
Aller Versuchung niemals völlig verlernt.
Dich auch und Deine launischen Wege
Liebt mein Herz, indem es Dich trotzend höhnt.
Ja, ich liebe Dich, Gott, und ich liebe
Heiß die verworrene Welt, die Du schlecht regierst.
…...........“

30) Joseph Wittig (1879-1949):

„Der heilige Christophorus ...sagte sich: Gerade weil das Kindlein auf meiner Schulter gar so schwer drückt, muss es am Ende etwas Göttliches sein. Denn was man ertragen und verstehen kann, mit dem ist's nicht weit her.... nehmen Sie Gott, wie er ist. Er wäre ja gar nicht Gott, wenn er gut nach Ihrem Sinne und nach Ihrem Verständnis wäre, und wenn Sie bestimmen und fordern könnten, wie gut er sein müsse. Sie, mit ihm ist nicht gut spielen! Er hat die Löwen und Tiger geschaffen und alle ihre Wut und Grausamkeit.Sie werden ihn lassen müssen, wie er ist! Malen und meißeln kann man ihn, wie man sich ihn denkt, aber sein muss man ihn lassen und glauben muss man an ihn, wie er ist, ob er nun nach unserem Verständnis und nach unserer Ausdrucksweise „gut“ oder „böse“ ist. Beides ist er nicht nach Menschenart. Werfen Sie einmal das ganze Nachdenken über „gut“ und „böse“ weg und ertragen Sie Gott, wie er ist!... “ (Das neue Antlitz, Kempen 1947,157 ff)

Dazu der Theologe Hans Kessler: Gott sei „anders gut und viel mehr gut, als wir Menschen dies mit dem Wort „gut“ von“ ihm „ auszusagen imstande sind.“


31) Franz Kafka (1883-1924):

„Die Welt kann nur von der Stelle aus für gut angesehen werden, von der aus sie geschaffen wurde, denn nur dort wurde gesagt: Und siehe, sie war gut – und nur von dort aus kann sie verurteilt und zerstört werden.“

„Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden.“

32) Dietrich Bonhoefer (1906-1945) schöpft aus eigener, extrem leidhafter Erfahrung:

„...Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen -, `etsi deus non daretur`“ (als ob es Gott nicht gäbe). „Und eben dies erkennen wir – vor Gott!... Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Markus 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt, und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist Matthäus 8,17 ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens! Hier liegt der entscheidende Unterschied zu allen Religionen. Die Religiosität des Menschen weist ihn in seiner Not an die Macht Gottes in der Welt, Gott ist der deus ex machina. Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen....“
„Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden. Er muss also wirklich in der gottlosen Welt leben und darf nicht den Versuch machen, ihre Gottlosigkeit irgendwie religiös zu verdecken, zu verklären....“
(Widerstand und Erhebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, München 1959,241).

„So ist es gut, früh genug zu lernen, dass Leiden und Gott kein Widerspruch ist, sondern vielmehr eine notwendige Einheit; für mich ist die Idee, dass Gott selbst leidet, immer eine der überzeugendsten Lehren des Christentums gewesen.“ (Brief vom eine 21.5.1942 an die Familie Leibholz)

„`Wo ist nun dein Gott?`( Ps 42,4 ).Ist es wahr, dass Gott schweigt? Es ist nur für den wahr, dessen Gott der Gott seiner eigenen Ideale und Gedanken ist. Ihm wird die biblische Botschaft von der Macht und Furchtbarkeit des Schöpfers und Herren aller Welt gesagt werden müssen.`Wer darf denn sagen, dass solches geschähe ohne des Herrn Befehl, und dass nicht Böses und Gutes aus dem Munde des Allerhöchsten komme?`(Klagelieder 3.37 ff ).`Ich bin der Herr und keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel`(( Jes.45, ( 6 und ) 7))`.`Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?`( Amos 3.6 ).Dieser Gott, der die Völker trinken lässt aus seinem Zornesbecher und sie durcheinanderwirft (Jer. 25,15ff ),ist der Vater unseres Herrn Jesu Christi, dessen Rat wunderbar ist und der es zuletzt herrlich hinausführt ( Jes.28,29 ).Schweigt Gott? Nein, er redet die stumme Sprache seiner furchtbaren Macht und Herrlichkeit, damit wir klein und demütig werden und ihn allein anbeten...“ (Illegale Theologenausbildung, Sämtliche Vikariate ,1937-1940).

„Die Erde, die mich ernährt, hat ein Recht auf meine Arbeit und meine Kraft. Es kommt mir nicht zu, die Erde, auf der ich mein Leben habe, zu verachten. Treue und Dank bin ich ihr schuldig. Ich darf mein Los, ein Gast und Fremdling sein zu müssen, und damit dem Ruf Gottes in diese Fremdlingschaft nicht dadurch ausweichen, dass ich mein irdisches Leben in Gedanken an den Himmel vertäume. Es gibt ein sehr gottloses Heimweh nach der anderen Welt, dem gewiss keine Heimkehr beschieden ist. Ich soll ein Gast sein mit allem, was das einschließt, ich soll mein Herz den Aufgaben, Schmerzen und Freuden der Erde nicht teilnahmslos verschließen, und ich soll auf die Einlösung der göttlichen Verheißung geduldig warten, aber wirklich warten und sie mir nicht im Voraus in Wünschen und Träumen rauben“ (Amerikatagebuch, zu Psalm 119)

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (Gott steht über Sein und Nichtsein)

33) Ein Graffito im KZ Buchenwald lautet:

„Du bist mein Gott! Und darum muss ich rechten und darum zweifeln, spotten und dich kränken – und darum an dich glauben und verstummen.“

34) Hans Jonas (1903-1992):

„Die logische Situation ist in der Tat keineswegs die, dass göttliche Allmacht die vernunftmäßige plausible und irgendwie sich selbst empfehlende Lehre ist, während die ihrer Begrenzung querköpfig und der Verteidigung bedürftig ist. Ganz im Gegenteil. Es folgt aus dem bloßen Begriff der Macht, dass Allmacht ein sich selbst widersprechender, selbst aufhebender, ja sinnloser Begriff ist. Es steht damit wie im menschlichen Bereich mit der Freiheit. Weit entfernt, dass diese beginnt, wo die Notwendigkeit endet, besteht und lebt sie im Sichmessen mit der Notwendigkeit. Die Abscheidung vom Reiche der Notwendigkeit entzieht der Freiheit ihren Gegenstand, sie wird ohne ihn ebenso nichtig wie Kraft ohne Widerstand. Absolute Freiheit wäre leere Freiheit, die sich selber aufhebt. So auch leere Macht, und das wäre die absolute Alleinmacht. Absolute, totale Macht bedeutet Macht, die durch nichts begrenzt ist, nicht einmal durch die Existenz von etwas anderem überhaupt, etwas außer ihr selbst und von ihr Verschiedenem.Denn die bloße Existenz eines solchen anderen würde schon eine Begrenzung darstellen, und die eine Macht müsste dies andere vernichten, um ihre Absolutheit zu bewahren. Absolute Macht hat dann in ihrer Einsamkeit keinen Gegenstand, auf den sie wirken könnte.Als gegenstandslose Macht aber ist sie sinnlose Macht, die sich selbst aufhebt.`All` ist hier gleich `Null`.Damit sie wirken kann, muss etwas anderes da sein, und sobald es da ist, ist das eine nicht mehr allmächtig, obwohl seine Macht bei jedem Vergleich beliebig hoch überlegen sein kann.Die geduldete Existenz per se eines anderen Gegenstandes limitiert als Bedingung der Betätigung die Macht der mächtigsten Wirkkraft, indem sie ihr zugleich erst erlaubt, eine Wirkkraft zu sein. Kurz, `Macht` ist ein Verhältnisbegriff und erfordert ein mehrpoliges Verhältnis. Selbst dann ist Macht, die keinem Widerstand in ihrem Bezugspartner begegnet, dasselbe wie überhaupt keine Macht.Macht kommt zur Ausübung nur in Beziehung zu etwas, was selber macht hat. Macht, wenn sie nicht müßig sein soll, besteht in der Fähigkeit, etwas zu überwinden; und Koexistenz eines anderen ist als solche genug, diese Bedingung beizustellen.Denn Dasein heißt Widerstand und somit gegenwirkende Kraft. So wie in der Physik Kraft ohne Widerstand, also Gegenkraft, leer bleibt, so auch in der Metaphysik Macht ohne Gegenmacht, ungleich, wie sie sei.Dasjenige also, worauf die Macht wirkt, muss eine Macht von sich her haben, selbst wenn diese von jener ersten abstammt und dem Inhaber, in eins mit seinem Dasein, ursprünglich gewährt wurde durch einen Selbstverzicht der grenzenlosen Macht – eben im Akt der Schöpfung. Kurz, es kann nicht sein, dass alle Macht auf seiten eines Wirksubjekts allein sei.Macht muss geteilt sein, damit es überhaupt Macht gibt.
Doch neben diesem logischen und ontologischen gibt es einen mehr theologischen und echt religiösen Einwand gegen die Idee absoluter und unbegrenzter göttlicher Allmacht. Göttliche Allmacht kann mit göttlicher Güte nur zusammen bestehen um den Preis gänzlicher göttlicher Unerforschlichkeit, das heißt Rätselhaftigkeit. Angesichts der Existenz des Bösen oder auch nur des Übels in der Welt müssten wir Verständlichkeit in Gott der Verbindung der beiden anderen Attribute aufopfern.Nur von einem gänzlich unvorstellbarem Gott kann gesagt werden, dass er zugleich absolut gut und absolut allmächtig ist und doch die Welt duldet, wie sie ist. Allgemeiner gesagt, die drei Attribute in Frage – absolute Güte, absolute Macht und Verstehbarkeit – stehen in einem solchen Verhältnis, dass jede Verbindung von zweien von ihnen das Dritte ausschließt.Die Frage ist dann: welche von ihnen sind wahrhaft integral für unseren Begriff von Gott und daher unveräußerlich, und welches dritte muss als weniger kräftig dem überlegenen Anspruch der anderen weichen? Gewiss nun ist Güte, das heißt das Wollen des Guten, untrennbar von unserm Gottesbegriff und kann keiner Einschränkung unterliegen.Verstehbarkeit oder Erkennbarkeit, die zweifach bedingt ist: vom Wesen Gottes und von den Grenzen des Menschen, ist in letzterer Hinsicht allerdings der Einschränkung unterwarfen, aber unter keinem Umständen duldet sie totale Verneinung.Der Deus absconditus, der verborgene Gott (nicht zu reden vom absurden Gott), ist eine zutiefst unjüdische Vorstellung.Unsere Lehre, die Thora, beruht darin und besteht darauf, dass wir Gott verstehen können, nicht vollständig natürlich, aber etwas von ihm – von seinem Willen, seinen Absichten und sogar von seinem Wesen, denn er hat es uns kundgetan.Es hat Offenbarung gegeben, wir besitzen seine Gebote und sein Gesetz, und manchen – seinen Propheten – hat er sich direkt mitgeteilt, als seinem Mund für alle in der Sprache der Menschen und der Zeit, gebrochen daher in diesem beschränkenden Medium, doch nicht in dunklem Geheimnis.Ein gänzlich verborgener, unverständlicher Gott ist ein unannehmbare Begriff nach jüdischer Norm.
Genau das aber müsste er sein, wenn ihm zusammen mit Allgüte auch Allmacht zugeschrieben würde.Nach Auschwitz können wir mit größerer Entschiedenheit als je zuvor behaupten, dass eine allmächtige Gottheit entweder nicht allgütig oder (in ihrem Weltregiment, worin allein wir sie erfassen können) total unverständlich wäre.Wenn aber Gott auf gewisse Weise und in gewissem Grade verstehbar sein soll (und hieran müssen wir festhalten), dann muss sein Gutsein vereinbar sein mit der Existenz des Übels, und das ist es nur, wenn er nicht all-mächtig ist.Nur dann können wir aufrechterhalten, dass er verstehbar und gut ist und es dennoch Übel in der Welt gibt. Und da wir sowieso den Begriff der Allmacht als zweifelhaft in sich selbst befanden, so ist es dieses Attribut, das weichen muss.“(aus: „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“, Eine jüdische Stimme)

35) Theodor Adorno (1903-1969):

„... es ist eine kardinale Unwahrheit, das als schlecht erkannte Dasein für die Wahrheit auszugeben, nur weil es einmal erkannt war.“

36) Georges Bataille (1922-1962):

„Gott ist schlimmer oder ferner als das Böse, er ist die Unschuld des Bösen.“
„Gott ist einzig erfahrbar durch die Form der Überschreitung, durch ein Ent-Setzen, das die Erscheinungen aus ihrer Ordnung fern lässt“

37) Marvin Minsky ( geb. 1927 ):

„Logik lässt sich nicht auf die wirkliche Welt anwenden.“

38) Magnus Striet (Fundamentaltheologe, geb. 1967):

„Nur, weil endliche Sinnerfahrungen gemacht werden, muss noch kein umfassender, diese Erfahrungen einbergender Sinnhorizont existieren.“




III Eigene Perspektiven:

1) Scheinproblem:
a) Allmacht kann nicht heißen,dass Gott nur das Gute hätte schaffen dürfen und schaffen darf. Denn dann wäre sie eingeschränkt.
b) Güte kann nicht heißen, dass Gott die Übel nicht hätte schaffen dürfen und nicht schaffen darf. Denn das geschaffene Gute setzt in dieser positiven Wertung (Qualität) das Schlechte voraus , da es sonst ein bloßes (wertneutrales) Faktum (Entität) wäre.
Daher widersprechen die Übel weder der Allmacht noch der Güte Gottes.
c) Die Frage nach dem Grund, warum Gott die Welt so geschaffen hat, wie sie ist, insbesondere voller Unvollkommenheit und Leid, geht ins Leere:
aa) Denn für Gott gelten keine Gründe, nämlich schon deshalb nicht, weil er selbst der letzte Grund ist und in seiner Allmächtigkeit durch Gründe nicht überbestimmt ( transzendiert ) sein kann.
bb) Gründe sind bereits etwas Seiendes und können daher für das Sein selbst nicht gelten. Gott hat sie mit der Welt erst geschaffen.
cc) Sie setzen im übrigen die Zeit voraus, in der sie zu Wirkungen führen (Kausalitätsprinzip) und Ziele zu verwirklichen ausgerichtet sind (Rationalitäts-, Sinnprinzip). Wer würde aber bestreiten wollen, dass Gott über Zeit und Raum erhaben ist (zumal es sich dabei nur um Vorstellungen handelt, wie die Philosophen des Idealismus aufgezeigt und die modernen Naturwissenschaften bestätigt haben)?
dd) Welche Gründe sollten Gründe und welchen Sinn sollte Sinn denn haben?
ee) Eine Welt ohne Leid wäre nicht besser, da sie das Leid nicht kennen würde und daher keine Vergleichsmöglichkeit hätte (wenn es in ihr überhaupt die Wertung als „gut“ gäbe, die doch die Möglichkeit einer Wertung als „schlecht“ zu voraussetzt, denn das „Gute“ wäre ohne das „Schlechte“ als sein Gegenteil nichts Qualitatives, sondern lediglich ein Faktum, dessen Gegenteil die bloße Verneinung wäre).
ff) Jede Beurteilung setzt eine Überebene voraus, von der aus bewertet wird. Sie könnte allenfalls Gott und daher uns unzugänglich sein.
gg) Jedes Sein muss irgendwie sein. Dieses Sosein ist notwendigerweise kontingent ( „grundlos“), da es nur aus sich heraus betrachtet werden kann (vergleiche auch Gödel) und daher in jedem Sein gefragt werden könnte, warum es gerade so und nicht anders ist (falls dort überhaupt eine solche Frage möglich ist).

d) So vordergründig also der Gottesglaube im Hinblick auf das Leid erscheint, so abgründig ist die Suche nach Hintergründen.
Die Theodizeefrage kann daher, richtig gestellt, nur lauten: Was hat Gott mit uns vor, die er in diese leidhafte Welt gestellt hat (Erlösungsfrage).


2) evolutionsbiologischer Aspekt:
¨οὔτε ἀγαθόν τί ἐστι φύσει, οὔτε κακόν, ἀλλὰ πρὸς ἀνθρώπων ταῦτα νόῳ κέκριται, κατὰ τὸν Τίμωνα - Von Natur gibt es weder Gutes noch Böses, sondern diesen Unterschied hat menschliche Meinung gemacht, wie Simon sagt.“( Sextus Empiricus, Adversus mathematicos, XI, 140 ).
„Natura non contristatur – Die Natur wird nicht traurig.“ ( antike Sarkophagaufschrift )

Das konkrete Negative (Unvollkommenheiten, Übel, Leiden) ist nicht in der Natur an sich,sondern stellt eine – uns von der Evolution als Überlebensvorteil ermöglichte - Bewertung beziehungsweise Empfindung lebenswidriger Gegebenheiten als etwas dar, dem es vorzubeugen, auszuweichen, das es zu bekämpfen, und dem es zu entrinnen gilt.Zu den Lebenswidrigkeiten im weitesten Sinn gehören auch Beeinträchtigungen unseres Selbstwertgefühls, unseres Harmoniebedürfnisses, unseres ästhetischen Geschmackes und unserer ethischen Werthaltung; dem Schutz davor dienen unsere seelischen Missempfindungen und ästhetischen sowie moralischen Unwerturteile.
3) begrifflicher Aspekt:
Das Problem der Theodizee ist in erster Linie ein solches der Begrifflichkeit.
a) „ Allmacht“ ist ein durch und durch paradoxer Begriff. Sie umfasst auch die Macht, nicht allmächtig zu sein. Außerdem setzt sie Zeit und Kausalität voraus, um sich zu verwirklichen, also etwas Präexistentes und sie damit Transzendierendes. Sie wird daher durch sich selbst und durch andere „Mächte“ überbestimmt.
Alle „All“-Beriffe sind paradox. „Sein“ ist alles, also auch das Nicht – sein des Nicht – Seienden (das ja genauso „real“ ist wie alles Seiende). Darüber hinaus muss das Alles aber auch das Nichts, also sein Gegenteil, umfassen, zumal auch dieses (wie das einzelne Nicht- Seiende) ein paradoxer Begriff ist, weil, wenn es das Nichts (oder das einzelne Nicht-Seiende) „gibt“, es ja doch nicht nichts (bez. doch nicht etwas Nicht-Seiendes), sondern seiend (bez.etwas Seiendes) ist. Das Nichts aber wiederum muss eben so wie das Alles allumfassend sein (darf nichts „übriglassen“) und daher auch das Alles umfassen, so dass sich ein Denkzirkel ergibt.Das gilt, wie ausgeführt, auch für den „All“-Begriff der „Allmacht“.Sie muss auch die Nicht – Allmacht einschließlich der Ohnmacht, ja auch die Macht zum Nicht – Sein des Allmächtigen einschließen, der dann zwar – positiv ausgedrückt – über alles einschließlich des Nichts erhaben ist, dies aber – negativ ausgedrückt – bedeutet, dass es nichts mehr gibt, wovon er sich unterscheiden könnte, so dass er keine Identität aufweist. Die Allmacht wird vom Ausdruck für etwas Transzendentes zum Leer- Begriff.
Jede Begrifflichkeit, die ja lediglich Abstraktion ist, ist ungenau (Man denke auch an die Quantenphysik, wo sich nach der Heisenbergschen Unschärferelation Ort und Impuls eines Elementarteilchens – ontologisch bedingt - nicht zugleich beliebig genau bestimmen lassen).
Bei genauer Betrachtung ist.alles ungenau und alle Grenzen verschwimmen. Gehörten diese zum einen oder zum anderen voneinander Abgegrenzten oder zu beidem, wären sie keine Grenzen, weil sie im Abgegrenzten aufgingen..Gehörten sie weder zum einen noch zum anderen,wären sie ebenfalls keine Grenzen, sondern etwas – wenngleich unendlich teilbares - Drittes zwischen dem Getrennten.Es gibt sie also überhaupt nicht, ebenso wenig wie die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft,wo dies besonders offenkundig wird. Daher ist alles eines und dieses Eine mangels Identität (es kann ja nicht von etwas anderem unterschieden werden) nichts. Dieses Nichts kann es aber nicht geben, da es sonst ja doch etwas wäre.
Es bleibt dabei:Alle Begriffe sind Abstraktionen und daher im Konkreten bei genauer Betrachtung unscharf.
b) „ Güte“ ist ein wertender Begriff. Sie setzt einen Vergleich mit etwas voraus, das als nicht gut oder gar als schlecht bewertet wird. Gott kann von uns daher nur dann als „gut“ bewertet werden, wenn wir etwas kennen, was wir als nicht gut oder gar als schlecht bewerten.
Gott kann demnach nicht zugleich allmächtig und gut sein, da er, wenn er allmächtig ist, nicht auf das Gutsein festgelegt sein kann, und, wenn er gut ist, es außerhalb von ihm auch Nicht-Gutes oder gar Schlechtes geben muss.
Andererseits kann man auch wie folgt argumentieren:
Der Allmacht kann nichts widersprechen, da sie sonst auf Grenzen stieße. Sie kann daher auch Gegensätze überwinden und zwar auch in der Weise, dass sie im Übel gut ist.
Liebe dagegen ergibt als Begriff einer Beziehung nur dann Sinn, wenn es auch Beziehungslosigkeit oder – zur Erhöhung des Wertes der Liebe – sogar auch negative Beziehungen wie Bosheit, Hass und Grausamkeit gibt. Um uns in Liebe zu erscheinen, muss Gott also auch die Möglichkeit der Abwesenheit von Liebe und, um die Liebe zu erhöhen, die Möglichkeit des Liebeswidrigen geschaffen haben können .

4) semantischer Aspekt:

Gäbe es nur Positives – als welches wir lebensgünstige Umstände bewerten und empfinden -, wäre es nicht positiv (könnte nicht so bewertet beziehungsweise empfunden werden), sondern selbstverständlich.
Auch wenn es nur das Negative nicht gäbe, wäre das Positive nicht positiv,sondern lediglich die Alternative zu seiner Abwesenheit.

Da in höchster Abstraktion nur das allgemeine Sein als solches (einschließlich des Nichtseins des Nichtseienden, das ja genau so real ist wie das Seiende) positiv ist, während sein Gegenteil, das bloße Nichtsein als solches, das Nichts, nicht ohne Selbstwiderspruch „sein“ kann, kommt dem Negativem keine Eigenständigkeit zu .Das Negative bezieht seine Identität erst durch den Vergleich mit dem konkreten Positiven, dessen Gegensatz es darstellt. Das Positive ist primär , das Negative davon abgeleitet. Das Negative ist als Gegensatz auf das primäre Positive bezogen und verleiht diesem erst seine Wertigkeit als positiv. Daher gehört es als etwas letztlich Positives zum Positiven . Das Positive bestätigt sich durch das Negative selbst in seiner Wertigkeit.Ohne das Negative wäre das Positive lediglich die Alternative zu seiner Abwesenheit, dem Neutralen.
Die Zwischenschaltung dieses Neutralen zwischen den Gegensätzen von Positiv und Negativ steigert die Wertigkeit des Positiven als etwas, das auch durch die bloße Abwesenheit des Negativen nicht zur Selbstverständlichkeit entwertet wird.
Das alles ist nicht umkehrbar.

5) formallogischer Aspekt:

Eine perfekte Welt wäre Gott selbst.

Wenn Gott allmächtig ist, dann umfasst diese Macht auch die Macht,nicht zu sein- er ist erhaben über Sein und Nichtsein (Dietrich Bonhoeffer: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“) -, auch nicht allmächtig zu sein. Er ist über alle Vorstellungen, also auch Begriffe, erhaben (wie ja sogar die Erkenntnisse der Quantenphysik: zum Beispiel ist ein Elektron gleichzeitig überall und nirgends); sonst wäre er nicht allmächtig, sondern durch diese überbestimmt ( vgl.2.Mos.3,14;20,4;33,18ff;5.Mos.5,8;Pred.8,17;11,5;Jes.55,9;1.Kö.8;27;Math.11,27;Luk.10,21; Joh.16,23;Ps.22.3).
Auch kann Gott in seiner Allmacht nicht auf das Gute festgelegt sein und muss in ihr auch im Bösen gut sein können und umgekehrt (Erhabenheit auch über Widersprüche).
Die Erhabenheit über Gut und Schlecht kann nach unseren Maßstäben zwar für uns schlecht sein,aber- von uns losgelöst betrachtet-in einem höheren Sinn(da sie einem solchen Maßstab nicht mehr unterliegt)- nur als „bestens“ gewertet werden;denn Letztbegründetes (in Gott) ist nicht abgründig,sondern verankert. Unser Schiff ist Stürmen ausgesetzt, aber geschützt.

6) erkenntnistheoretischer Aspekt:

„ἀλλ΄ εἴ τοι χεῖρας ( γ΄) εἶχον βόες ἠὲ λέοντες, ὡς γράψαι χείρεσσι καὶ ἔργα τελεῖν ἅπερ ἄνδρες, ἵπποι μὲν δ΄ ἵπποισι, βόες δέ τε βουσὶ ὁμοίας καί ( κε ) θεῶν ἰδέας ἔγραφον καὶ σώματ΄ ἐποίουν τοιαῦθ΄ οἷόν περ κ΄ αὐτοὶ δέμας εἶχον ἕκαστοι ”
„Doch wenn Ochsen oder Löwen Hände hätten, so dass sie mit den Händen malen und Bildwerke herstellen könnten wie Menschen, dann würden Pferde pferdeähnlich und Ochsen ochsenähnlich die Gestalten der Götter malen und solche Körper bilden, wie sie gerade jeweils selbst die Gestalt hätten.“( Xenophanes, Clem.Strom. 5.14, 109.3; DK 21 B 15 )

„Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.“ (Johann Wolfgang Goethe , 1749-1832)

Die Theodizee-Frage lässt sich verallgemeinern:
Warum ist die Welt – in unserem Bewusstsein – kontradiktorisch, insbesondere vom Gegensatz Gut/Böse beherrscht?
Diese Frage lässt sich weiter abstrahieren:
Warum ist das Sein gerade so wie es ist? Diese Frage ist widersinnig, da jedes Sein eines Soseins bedarf, beides also kontingent ist.
Das führt aber zu der letzten Frage:
Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?(Leibnitz) Auch diese Frage ist widersinnig, da ein Grund als etwas Seiendes das Sein bereits voraussetzt.
Damit aber ist ein Denkzirkel geschlossen. Denn die Ausgangsfrage setzt voraus – nämlich ein universales Kausalitätsprinzip -, was zu hinterfragen ist. Solche auf eine allgemeine, gar letzte Antwort abzielenden und somit immer abstrakter werdenden Fragen lassen schließlich für eine von ihnen intendierte, noch abstraktere Antwort keinen Raum mehr.
Letztlich führt jede Frage zu einem Zirkel, weil sie von Denkinhalten ausgeht und ausgelöst wird (Prämissen), die auch die Antwort bestimmen sollen, um begreiflich zu sein.

Das Theodizee-Problem stellt sich nur in der aristotelischen, zweiwertigen Logik ( „ tertium non datur“ ). Demnach gibt es nur Allmacht oder nicht, nur Liebe oder nicht. Nach der mehrwertigen Logik der Quantenphysik dagegen sind Gegensätze, auch der von Bejahung und Verneinung, nur Erscheinungsformen- bez. Beurteilungen Ein-und Desselben.Auf das Theodizee – Problem übertragen: Es mag das höhere Gute in der Allmacht geben.

Bei der Theodizee-Frage stellt sich das philosophische Problem der Letztbegründungen.
Schon die Vorsokratiker haben dargetan, dass unser Denken in letzter Konsequenz immer zu Paradoxien führt. So ist nach Zenon ( circa 490-430 vor C

Beitrag von Knut Hacker, 2009-12-07 18:10


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