Theodizeefrage
Fortsetzung des Beitrages zur Theodizeefrage(leider werden die griechischen Zitate bei der Absendung verstümmelt):
5) formallogischer Aspekt:
Eine perfekte Welt wäre Gott selbst.
Wenn Gott allmächtig ist, dann umfasst diese Macht auch die Macht,nicht zu sein- er ist erhaben über Sein und Nichtsein (Dietrich Bonhoeffer: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“) -, auch nicht allmächtig zu sein. Er ist über alle Vorstellungen, also auch Begriffe, erhaben (wie ja sogar die Erkenntnisse der Quantenphysik: zum Beispiel ist ein Elektron gleichzeitig überall und nirgends); sonst wäre er nicht allmächtig, sondern durch diese überbestimmt ( vgl.2.Mos.3,14;20,4;33,18ff;5.Mos.5,8;Pred.8,17;11,5;Jes.55,9;1.Kö.8;27;Math.11,27;Luk.10,21; Joh.16,23;Ps.22.3).
Auch kann Gott in seiner Allmacht nicht auf das Gute festgelegt sein und muss in ihr auch im Bösen gut sein können und umgekehrt (Erhabenheit auch über Widersprüche).
Die Erhabenheit über Gut und Schlecht kann nach unseren Maßstäben zwar für uns schlecht sein,aber- von uns losgelöst betrachtet-in einem höheren Sinn(da sie einem solchen Maßstab nicht mehr unterliegt)- nur als „bestens“ gewertet werden;denn Letztbegründetes (in Gott) ist nicht abgründig,sondern verankert. Unser Schiff ist Stürmen ausgesetzt, aber geschützt.
6) erkenntnistheoretischer Aspekt:
„ἀλλ΄ εἴ τοι χεῖρας ( γ΄) εἶχον βόες ἠὲ λέοντες, ὡς γράψαι χείρεσσι καὶ ἔργα τελεῖν ἅπερ ἄνδρες, ἵπποι μὲν δ΄ ἵπποισι, βόες δέ τε βουσὶ ὁμοίας καί ( κε ) θεῶν ἰδέας ἔγραφον καὶ σώματ΄ ἐποίουν τοιαῦθ΄ οἷόν περ κ΄ αὐτοὶ δέμας εἶχον ἕκαστοι ”
„Doch wenn Ochsen oder Löwen Hände hätten, so dass sie mit den Händen malen und Bildwerke herstellen könnten wie Menschen, dann würden Pferde pferdeähnlich und Ochsen ochsenähnlich die Gestalten der Götter malen und solche Körper bilden, wie sie gerade jeweils selbst die Gestalt hätten.“( Xenophanes, Clem.Strom. 5.14, 109.3; DK 21 B 15 )
„Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.“ (Johann Wolfgang Goethe , 1749-1832)
Die Theodizee-Frage lässt sich verallgemeinern:
Warum ist die Welt – in unserem Bewusstsein – kontradiktorisch, insbesondere vom Gegensatz Gut/Böse beherrscht?
Diese Frage lässt sich weiter abstrahieren:
Warum ist das Sein gerade so wie es ist? Diese Frage ist widersinnig, da jedes Sein eines Soseins bedarf, beides also kontingent ist.
Das führt aber zu der letzten Frage:
Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?(Leibnitz) Auch diese Frage ist widersinnig, da ein Grund als etwas Seiendes das Sein bereits voraussetzt.
Damit aber ist ein Denkzirkel geschlossen. Denn die Ausgangsfrage setzt voraus – nämlich ein universales Kausalitätsprinzip -, was zu hinterfragen ist. Solche auf eine allgemeine, gar letzte Antwort abzielenden und somit immer abstrakter werdenden Fragen lassen schließlich für eine von ihnen intendierte, noch abstraktere Antwort keinen Raum mehr.
Letztlich führt jede Frage zu einem Zirkel, weil sie von Denkinhalten ausgeht und ausgelöst wird (Prämissen), die auch die Antwort bestimmen sollen, um begreiflich zu sein.
Das Theodizee-Problem stellt sich nur in der aristotelischen, zweiwertigen Logik ( „ tertium non datur“ ). Demnach gibt es nur Allmacht oder nicht, nur Liebe oder nicht. Nach der mehrwertigen Logik der Quantenphysik dagegen sind Gegensätze, auch der von Bejahung und Verneinung, nur Erscheinungsformen- bez. Beurteilungen Ein-und Desselben.Auf das Theodizee – Problem übertragen: Es mag das höhere Gute in der Allmacht geben.
Bei der Theodizee-Frage stellt sich das philosophische Problem der Letztbegründungen.
Schon die Vorsokratiker haben dargetan, dass unser Denken in letzter Konsequenz immer zu Paradoxien führt. So ist nach Zenon ( circa 490-430 vor Christi Geburt ) eine Bewegung unmöglich, da sie über unendlich viele Teilstrecken führen müsste. Nach Gorgias ( circa 480-380 vor Christi Geburt ) ist nichts ( „οὐδὲν ἔστιν” ) , da Sein und Nichts sich gegenseitig bedingen, es das Nichts aber nicht geben kann, weil es sonst etwas wäre ( wobei zusätzlich anzuführen ist, dass das Sein nicht sein kann, ohne sich selbst vorauszusetzen ).
Der philosophische Skeptizismus/Idealismus ( vgl. insbesondere Berkeley, Hume, Kant, Schopenhauer ) hat aufgezeigt, dass bewusstseinsunabhängige Aussagen über etwas außerhalb des Bewusstseins Gedachtes – also auch über Gott – nicht getroffen werden können.
Der Mathematiker Gödel hat bewiesen, dass sich kein System aus sich selbst heraus erklären kann. Es fehlt also für die Beantwortung von Verständnisfragen in Bezug auf unser Sein und erst recht in Bezug auf den transzendenten Gott die nötige Metaebene der Betrachtung.
Die beiden Relativitätstheorien, die Quantenphysik, die Chaosforschung und die Kognitionswissenschaften haben unsere Bewusstseinswelt als bloßes geistiges Konstrukt zur abstrahierenden, selektierenden und imaginierenden, ja kreirenden Orientierung in unserem Lebensbereich entlarvt. Diese Vorstellungswelt versagt bei der Betrachtung von Seinsbereichen, die außerhalb unserer gewöhnlichen Erfahrungswelt liegen, nämlich im Allerkleinsten, der atomaren Welt (Quantenphysik), im Komplexen (Chaosforschung), und im Allergrößten, der kosmischen Welt (Relativitätstheorien). Es bleibt hier nur die abstrakte mathematische Beschreibung.
Schon begrifflich müssen unsere Vorstellungen natürlich in Bezug auf die Transzendenz (Gott) ins Leere laufen.
Gottesfragen sind daher unlösbar. Im Glauben stellen sie sich nicht. Jesus vermittelt zwischen Transzendenz und Lebenswirklichkeit.
7) ontologischer Aspekt:
Ein besseres Sein kann es nicht geben,da ein „Bessersein“ ein Sein bereits voraussetzt und daher nicht für ein Sein gelten kann. Der Maßstab von Gut und Schlecht (in unserem Bewusstsein) ist als etwas Seiendes Gegenstand des Soseins , das jedem Sein zwangsläufig eigen ist. Er kann also nicht an das Sein selbst angelegt werden. Gott hat ihn erst geschaffen und unterliegt ihm daher selbst nicht. Er wird in seiner Allmächtigkeit nicht durch einen solchen überbestimmt.
Die Welt an sich ist einfach so, wie sie ist. Erst der Mensch legt an sie einen – ihm von Gott verliehenen - Maßstab an, der ihn über sie erhebt.Statt Gott für diese Erhabenheit dankbar zu sein, kritisieren wir Gott dafür, dass das, worüber wir erhaben sind, von ihm nicht optimal geschaffen worden sei.Ein von uns gedachtes optimales anderes Sein wäre für uns aber dort, wenn wir in ihm lebten, nicht optimal. Denn jedes Sein ist notwendig so, wie es ist (sonst wäre es ein anderes); das Sosein ist also kontingent . Ein Vergleich mit anderen hypothetischen Soseinsmöglichkeiten ist nur aus dem gegebenen Sosein heraus möglich (falls ein anderes Sosein überhaupt Vergleiche kennt)und gälte daher nicht in einem hypothetischen anderen Sosein . Zum Beispiel wäre ein anderes Sosein ohne Leid aus ihm heraus gesehen nicht besser als unser leidvolles Sosein, da dort das Leid überhaupt unbekannt wäre und daher die dortige Leidlosigkeit nicht mit der hiesigen Leidhaftigkeit verglichen werden könnte.
Es kann keine Möglichkeit eines anderen Seins geben, da eine Möglichkeit bereits etwas Seiendes ist und daher für das Sein selbst nicht gelten kann.
Ebenso kann es keine Gründe für ein Sein – zum Beispiel für unser leidvolles Sein- geben, da Gründe bereits etwas Seiendes sind, für das Sein selbst also nicht gelten können.
Gott hat Möglichkeiten und Gründe erst geschaffen. Er selbst wird in seiner Allmächtigkeit nicht durch solche überbestimmt
8) schöpfunggeschichtliche Aspekte :
Gott selbst unterliegt in seiner Allmächtigkeit nicht dem Wertungsgegensatz von Gut und Schlecht. Er hat diesen Bewertungsmaßstab erst geschaffen.Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte ist er daher bei jedem Schöpfungsschritt zunächst ohne Wertung vorgegangen und hat erst nachträglich das Geschaffene gutgeheißen ( 1. Mos. 1,10; 12; 18; 21; 25; 31 ), d.h. er hat den geschaffenen Wertungsmaßstab so justiert, dass die Schöpfung als solche unter die Kategorie „gut“ bez. „sehr gut“ fällt, das einzelne Geschaffene sich aber in der Bewertung unterscheidet.Seine Geschöpfe können den Maßstab somit nur auf bereits von ihm Geschaffenes , nicht auf die göttliche Schöpfung selbst anlegen. Ihnen erscheint so vieles als nicht gut, damit sie selbst immer wieder Gutes schaffen können, ohne das „ Nicht – Gute“ als solches abschaffen zu können, da sie sonst in der Indifferenz erstarrten.
Indem uns Gott zur Beurteilung der Welt, in der wir leben, als im einzelnen gut oder schlecht befähigt hat,hat er uns über sie erhöht und uns eine (gottesebenbildliche 1.Mos.1,27) Freiheit des Handelns in Eigenverantwortung (vor Gott) zuerkannt. Obwohl wir Teil seiner Schöpfung sind, gehen wir nicht einfach in ihr auf ( Luk.17,21:¨Ἰδοὺ γὰρ ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἐντὸς ὑμῶν ἐστίν– denn sehet , das Reich Gottes ist inwendig in euch.“)
Gott hat den Menschen nicht zu seinem bloßen Spiegelbild, zu Marionetten, geschaffen, sondern zu seinem Ebenbild ( 1. Mos. 1,27 ) und daher in eine Welt gestellt, in der er nicht – wie die unbelebte Materie und die Tiere – aufgeht, sondern über die er sich erhebt, indem er sie hinterfragt, sie im Leid ablehnt und in der Freude annimmt, aber doch in allem letztlich auf das Unbegreifliche stößt, auf sein Urbild, das kein Abbild wiedergeben kann ( 2. Mos. 20,4; 5. Mos. 5.8 ), und das nicht geschaut werden kann ( 2. Mos. 33.20 ), mag es „Gott“ oder – von den Atheisten - „Zufall“ genannt werden (denn was ist Zufall anderes als das selbst „Grund“ - lose, also „Ur“ - sprüngliche, wie schon die christliche Mystik des Mittelalters erkannt hat?).
9) Aspekt der Liebe Gottes:
Ein Gott der Liebe lässt uns aus gutem Grunde leiden.Diesen kann er uns aber nicht offenbaren, weil wir dann ja nicht litten! Denn was uns gut erscheint, bereitet uns kein (seelisches) Leid. Schlimmstenfalls leiden wir (körperlichen) Schmerz im Guten (zum Beispiel bei ärztlicher Behandlung) .
Gott führt uns aber durch das Leid.
Gingen wir in der Welt glücklich und zufrieden auf, wäre sie für uns ohne Gott. Dadurch, dass wir sie auch als grausam und ungerecht empfinden und in ihr unschuldig leiden, betrachten wir sie von einem höheren Standpunkt und blicken nach einem höchsten,von dem aus alles zum Besten gerichtet ist.
Auch das Böse stammt von Gott (siehe die obigen Bibelzitate), da er allmächtig ist Das Böse ist nicht in der Außenwelt, sondern ein moralisches Urteil über etwas in dieser (einschließlich des wahrgenommenen Ichs) , nämlich über Lebensfeindliches (zum Beispiel: Töten, Betrügen, Stehlen und so weiter, vergleiche die Zehn Gebote). Dieses Urteil ist uns möglich zum Schutz vor diesem Lebensfeindlichen und zur Vermeidung und Bekämpfung durch uns selbst.
Doch da Gott nicht nur allmächtig ,sondern auch gut ist, ist er so allmächtig gut, dass er auch im Bösen gut ist .
Gott erscheint uns schrecklich, wenn wir ihn als unser Wunschbild missverstehen, statt auf seine Selbst – Verständlichkeit zu vertrauen, welche die Unverständlichkeit für uns bedeutet
!0) Zusammenfassung:
Die Theodizeefrage beruht auf falschen Prämissen , nämlich,
dass Gott in seinem Wirken auch selbst Gründen und Wertungen unterliege ,obwohl er in seiner Allmacht doch alles, also auch Gründe und Wertungen, erst geschaffen hat,
weltlich ausgedrückt:
dass es Gründe, obwohl sie etwas Seiendes sind, auch außerhalb des Seins für dieses geben könnte;
dass es die Negativbewertung des Leides, obwohl sie etwas Seiendes ist, auch außerhalb des Soseins dieses Seins für dieses geben könnte.
Beitrag von Knut Hacker, 2009-12-07 18:20
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- Theodizeefrage (Knut Hacker, 2009-12-07 18:20)
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