Wahrnehmung als Epiphanie?
Wahrnehmung
I Dass unsere „Wahr“-nehmung sich nicht „die Wahrheit“ nimmt, sondern nur etwas „als wahr“ nimmt, nämlich zumindest qualitativ und quantitativ nicht etwas außerhalb unserer Sinne Liegendem entspricht, falls wir einer solchen Außenwelt überhaupt eine von unserem Bewusstsein unabhängige Existenz unterstellen wollen, ist offenkundig.
Das zeigt sich schon an wenigen Beispielen:
1) Was wir als Helligkeit empfinden, ist nichts anderes als das Auftreffen elektromagnetischer Wellen eines bestimmten Spektrums, die wir Licht nennen, auf unsere Netzhaut, nachdem sie von der uns umgebenden Materie ausgesandt oder reflektiert worden sind.Was die subjektive Empfindung „hell“ ist, können wir einem von Geburt an Blindem nicht beschreiben (ebenso wenig wie „dunkel“ oder die Farbeindrücke).
2) Was wir als Töne hören, ist ebenfalls nichts anderes als das Auftreffen von Luftwellen eines begrenzten Spektrums auf unser Trommelfell. Die subjektiven Empfindungen „Musik“, „Sprache“, „Geräusch“, „laut“, „leise“ usw. können wir einem von Geburt an Tauben nicht vermitteln.
3) Was wir z.B. als Temperatur sensorisch empfinden, ist nichts anderes als das Auftreffen unterschiedlich stark bewegter Atome auf unserer Haut. Wie wollen wir die Empfindung „heiß“ oder „kalt“ beschreiben?
4) Auch die Empfindungen Geruch und Geschmack beim Kontakt entsprechender Partikel mit unserem sensorischen System sind nicht objektivierbar.
Soweit Beispiele zu unseren fünf Sinnen.
Für unsere orientierenden, ästhetischen und ethischen Werturteile sowie die psychischen Gefühle gilt ebenfalls, dass sie nicht objektivierbar sind.
II Weshalb sollte anderes für unser intellektuelles Wahrnehmungssystem, für unseren Verstand, gelten?
Unsere Denkkategorien wie Wahrheit/Unwahrheit, Sein/Nichtsein, Raum und Zeit, Geist/Materie, Objekt/Subjekt, Ganzes/Teil, Ursache/Wirkung, ja: Ja/Nein entpuppen sich als Vorstellungen, die ebenso wie unsere Sinneseindrücke auf Grenzen stoßen und bewusstseinsbefangen erscheinen.Sie führen uns, da sie im Gegensatz zu den Sinneswahrnehmungen, über die der Verstand hinausgreift, nur noch an sich selbst orientiert werden können, in letzter Konsequenz zu Aporien der Unendlichkeit und Selbstbezüglichkeit und versagen heute auch in den Realwissenschaften (insbesondere in der Quantenphysik).
Folgende Beispiele zeigen die Aporien des Denkens in Denkkategorien über Denkkategorien:
1) Wir denken in den gegensätzlichen Kategorien von Ja und Nein (kontradiktorisches Denken).Nach der Aristotelischen Logik gibt es nichts Drittes ( „ tertium non datur“), nämlich weder etwas, das weder das eine noch das andere, noch etwas, das beides zusammen („Jein“) wäre.
Doch was ist, wenn ein Zeuge vor Gericht beteuert, die Unwahrheit zu sagen? Spricht er die Wahrheit? Ja oder nein? Wenn seine Beteuerung richtig ist, sagt er die Unwahrheit, so dass die Beteuerung falsch ist. Wenn sie (aber) falsch ist, sagt er die Wahrheit, so dass die Beteuerung, die Unwahrheit zu sagen, doch stimmt und er die Unwahrheit sagt usw.
Dieses Beispiel ist eine Abwandlung des klassischen Lügnerparádoxons: Epimenides, der Kreter, sagt, alle Kreter seien Lügner. Daher lügt auch er, daher sind doch nicht alle Kreter Lügner, daher mag er die Wahrheit sagen, was jedoch nicht sein kann, wenn alle Kreter Lügner sind usw.
Gott liebt jeden, der sich nicht selbst liebt. Liebt er sich selbst? Wenn ja, liebt er sich nicht. Wenn nein, liebt er sich.
2) Für uns kann etwas nur sein oder nicht sein (kontradiktorisches Denken).
Wir können uns aber weder ein unendliches Sein (Was war vor und ist außerhalb des expandierenden Universums?) noch ein absolutes Nichtsein (ohne Raum und Zeit) denken oder gar vorstellen.Das erstere ließe (als „Alles“) keinen Raum mehr für ein Nichts, so dass die Begriffe „Sein“ und „Nichtsein“ mit ihrem Gegensatz auch ihren Sinn verlören. Das letztere wäre, wenn es dieses Nichts gäbe, paradoxerweise doch etwas Seiendes.
Das Sein kann es also nur als Gegensatz zum Nichtsein geben. Das Nichtsein kann es aber nicht geben, da es dann seiend wäre, was widersprüchlich wäre.Gibt es daher kein Nichtsein, ist es auch sinnlos, von einem Sein zu sprechen. Im täglichen Sprachgebrauch bezeichnen wir mit dem Begriffspaar Sein – Nichtsein nicht ein Erkenntnisobjekt als solches, sondern dessen Eigenschaft, der Raumzeit anzugehören. Die Raumzeit selbst als seiend zu bezeichnen, wird aus den obigen Gründen schon problematisch: sie lässt sich nicht wegdenken.
Erst recht ist der Begriff der Transzendenz nur eine Projektion unseres Denkens ins Undenkbare.
Wir schließen von der Wahrnehmung auf das Sein. Etwas ist, weil wir es wahrnehmen, und wir nehmen es wahr, weil es ist.
Aber sind wir selbst überhaupt? Descartes meinte, er sei, denn er denke („cogito, ergo sum“). Doch kann man das Denken beweisen? Und unterstellte Descartes mit seinem Denken nicht auch sein erst zu beweisendes Sein, so dass er lediglich einen Zirkelschluss zog? Ohne Sein kein Denken! Daher Sein wegen Denkens, aber auch Denken wegen Seins! Kant meinte, er sei, weil er das sonst nicht in Zweifel ziehen könnte. Das ist eigentlich die gleiche Beweisführung wie bei Descartes: Eine Eigenschaft des Seins wird zu dessen Beweis herangezogen, obwohl die Eigenschaft ja erst mit dem Sein bewiesen ist. Wenn Kant meint, ohne zu sein, könne man das Sein nicht in Zweifel ziehen, und Descartes glaubt, ohne Denken könne man nicht sein, gehen beide bereits von einer Vorstellung über das Sein aus, bevor sie dieses überhaupt bewiesen haben.Vor allem aber apriorisieren sie die Alternative Sein/Nichtsein, so dass der Beweis nur auf einer Metaebene geführt werden könnte.Und wo bleibt der Beweis, dass es nur die Alternative Sein/Nichtsein gibt? (Nach der Quantenphysik kann ein Elementarteilchen zugleich sein und nicht sein und zugleich weder sein noch nicht sein; sog.Quantenlogik; vergleiche u.a. bereits Pyrrhon von Elis ,365/60-275 v.Chr.: „Über jeden einzelnen Gegenstand muss man sagen, dass er nicht mehr `ist` als `nicht ist`, oder: dass er sowohl `ist` als `nicht ist`, oder: dass er weder `ist` noch ´nicht ist`.“).
3) Wir glauben an Wahrheit und Unwahrheit (orientierendes Denken).
Die Wahrheit kann aber von der Unwahrheit nur von einem übergeordneten Standpunkt aus unterschieden werden. Daher kann es keine letzte Wahrheit geben, da dann die übergeordnete Verifikationsebene fehlte (Gödelscher Unvollständigkeitssatz). Die Suche nach einer solchen Wahrheit ist paradox, weil diese Wahrheit bereits bekannt sein müsste, um erkannt werden zu können, sie dann aber bereits gefunden wäre. Die Philosophie plagt sich also mit der selbstbezüglichen Frage: Welche Antwort auf die Frage nach der Wahrheit ist wahr?
4) Wir denken in den Kategorien von Raum und Zeit (fixierendes Denken).
Etwas Nicht-Räumliches und Nicht-Zeitliches können wir uns nicht vorstellen. Daher müssen Raum und Zeit unendlich sein. Unendlichkeit können wir uns aber nicht vorstellen. Andererseits können wir uns aber auch nicht vorstellen, dass Raum und Zeit Grenzen beziehungsweise Anfang und Ende haben, denn dann müsste es etwas außerhalb des Raumes und vor und nach der Zeit geben, was wir uns wieder nur raum-zeitlich vorstellen können(unendlicher Progress).
Im übrigen: Wo bleibt die Zeit? Die Vergangenheit gibt es nicht mehr, die Zukunft noch nicht, und die Gegenwart hat keine Dauer, wie schon Augustinus hervorgehoben hat (Einstein: „Leute wie wir, die an die Physik glauben, wissen, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine hartnäckige, beharrliche Illusion ist.“).Und der Raum? Er besteht aus unendlich vielen Raumpunkten, die aber keinerlei Ausdehnung haben (Koordinatenschnittpunkte ohne Dimension).Aus Null wird Unendlich!
5) Wir trennen den Teil vom Ganzen (reduktionistisches Denken).
Ein Ganzes, das nicht kleiner sein könnte, können wir uns nicht vorstellen. Also muss jedes Ganze zumindest messungsmäßig geteilt werden können. Jedes Ganze ist aber wieder Teil eines umfassenderen Ganzen, und jeder Teil könnte noch kleiner sein und daher weiter teilbar.Wir können uns aber weder das Ganze als unendlich groß (siehe oben zum Raum), noch ein Teil als unendlich klein vorstellen, letzteres auch deswegen nicht, weil die unendlich vielen, unendlich kleinen Teile eines unendlich teilbaren, endlichen Ganzen jeweils weder auf die Größe von Null wegschrumpfen dürfen, da sie dann auch in ihrer Gesamtheit kein Ganzes mehr ergeben könnten, noch größer als Null bleiben dürfen, weil sie dann in ihrer Summe ein unendliches Ganzes ergäben.
Dieses Dilemma verdeutlichen Zenons Bewegungsparadoxien.Keine Strecke kann (gedanklich) je zurückgelegt werden, weil dazu unendlich viele Teilstrecken, wenn auch in unendlich kurzer Zeit, überwunden werden müssten.
6) Wir unterscheiden zwischen Materie und Geist (differenzierendes Denken).
Die Materie unterliegt in ihrer Entstehung und Entwicklung einem Geist (des „So – und – nicht – anders“; Entelechie). Der Geist ist in seiner Wirkungskraft an die Materie gebunden („Urknall“).Beide sind also untrennbar miteinander verbunden (Beispiel: Denken und Gehirn). Was aber ist an der Materie (z.B.Gehirn) Geist, und was ist an Geist (zB.Gedanke) Materie? Wir unterscheiden, ohne die Unterschiede unterscheiden zu können, an den Erscheinungen der Welt zwischen ihrem (toten) statischen Wesen, das es isoliert gar nicht gibt, und ihren (lebendigen) dynamischen Eigenschaften, die für sich allein nicht existieren können (vergl.Chaostheorie).
7) Der Gegensatz Subjekt – Objekt (verabsolutierendes Denken) trennt uns von einer Außenwelt, obwohl wir doch Teil derselben sind.
Wir stellen uns die von uns wahrgenommene Welt als außerhalb von uns existent vor, wissen aber, dass wir, die wir uns ja auch selbst wahrnehmen können, zugleich selbst Teil dieser Welt sind, die demnach doch nicht außerhalb von uns existiert. Daher können wir weder eine Welt außerhalb von uns, noch uns selbst beweisen. Denn wir nehmen zwar eine Außenwelt und uns selbst wahr, aber dieses Wahrgenommene nicht außerhalb unserer Wahrnehmung und die Wahrnehmung nur deshalb als seiend, weil wir uns aufgrund unserer logischen Vorprägung nicht vorstellen können, dass sie nicht existiert oder sie weder ist noch nicht ist (siehe oben zum Sein und Nichtsein).
8)Wir sehen Ordnung und Chaos (ordnendes Denken).
Die Küste Englands verläuft chaotisch. Wir schaffen Ordnung und legen Maß an, pressen sie also in exakte Maßeinheiten (deren Grenzpunkte wegen ihrer unendlichen Teilbarkeit aber völlig unexakt sind, wie sich aus den obigen Ausführungen zum Teil und Ganzen ergibt).Je genauer wir sie vermessen, je kürzer also die Krümmungen zwischen den Messpunkten werden, desto ungenauer wird das Ergebnis: Das Maß strebt in unendlicher Annäherung einem Grenzwert zu, wie der Kreisumfang oder jeder Teil davon.
Typisches Ordnungsmittel ist die Klassifizierung.Doch was fällt noch unter die Klasse des Waldes? Wie viele Bäume sind mindestens erforderlich, um einen Wald zu ergeben? Enthält die Klasse aller sich nicht selbst enthaltenden Klassen sich selbst (Russel`sches Paradox)? Wenn sie sich selbst enthält, ist sie keine Klasse mehr, die sie enthält, so dass sie sich doch nicht enthält. Wenn sie sich aber nicht selbst enthält, ist sie eine Klasse, die sie enthält, so dass sie sich doch enthält. Einfacher ausgedrückt: wenn sie sich selbst enthält, gehört sie nicht zu den Klassen, die sie enthält – nämlich den Klassen, die sich nicht selbst enthalten -, und enthält sich daher doch nicht selbst. Wenn sie sich nicht selbst enthält, gehört sie zur den Klassen, die sie enthält – nämlich den Klassen, die sich nicht selbst enthalten -, und enthält sich daher doch selbst. Oder: Wenn sie sich selbst enthält, kann sie nicht in sich selbst enthalten sein, weil sie nur alle nicht in sich selbst enthaltenen Klassen umfasst. Wenn sie sich aber nicht in sich selbst enthält, ist sie nicht die Klasse, die ALLE Klassen umfasst die nicht in sich selbst enthalten sind.(Grund des Paradoxons ist letztlich ebenfalls ein Paradoxon: Eine Klasse, die sich selbst umfasst, kann es nicht geben, da dies zu einem unendlichen Progress führen würde wie zum Beispiel das Sein des Seins).
9) Wir unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung (kausalistisches Denken).
Warum fragt der Mensch immer „warum“? Diese selbstbezügliche Frage kennzeichnet das Dilemma kausalistischen Denkens ebenso wie die resignative Feststellung: Auch wenn alles erklärbar wäre, bliebe noch die Frage: warum und warum gerade so? ( Das Unbegreiflichste wäre eine begreifbare Welt!).
Etwas ohne Ursache können wir uns nicht vorstellen. Jede Ursache muss daher wieder eine solche haben. Aber auch unendlich viele Ursachen sind uns nicht vorstellbar. Als eine letzte – also selbst ursachenlose – Ursache gilt uns der Zufall (von der – anthropomorphen- Gottesfrage einmal abgesehen).Er befriedigt aber das kausalistische Denken ebenfalls nicht. Die Abfolge von Ursache und Wirkung entpuppt sich jedoch nach dem Prinzip der einfachsten Erklärung ( Ockhams „Rasiermesser“) als nichts anderes als der regelmäßige zeitliche Ablauf eines Geschehens (David Hume).Der Anstoß, der eine Kugel zum Rollen bringt, ist die „Ursache“ dieser Bewegung.Aber das heißt nichts anderes, als dass er ihr eben vorausgegangen ist und einem solchen Anstoß erfahrungsgemäß die Bewegung nachfolgt.Erklärt ist damit überhaupt nichts, sondern nur eine Erfahrung beschrieben. Solche Beschreibungen lassen sich abstrahieren, das sind dann die sog. Naturgesetze.
10) Für uns ist ein Ereignis entweder notwendig oder zufällig (kausalistisches Denken).
Jedes Ereignis stellt sich uns als das Zusammentreffen von Kausalketten dar, die sich – in die Vergangenheit bis zum Urknall zurückverfolgt - (zunächst) immer weiter aufspalten (wie die Stammbäume), und deren jedes Glied wiederum durch ein Zusammentreffen unendlich vieler, unendlich langer Kausalketten gebildet wird: Der Blumentopf, der vom Fensterbrett auf den Kopf des Passanten fällt, war vom Eigentümer aufgestellt und vom Wind angestoßen worden. Weitere Voraussetzungen für diesen Sturz waren (abgesehen von den negativem Ursachen) - nur grob herausgegriffen - unter anderem die Geburt des Eigentümers, die Errichtung des Hauses, die Entstehung des Windes. Der Passant ist getroffen worden, weil am Haus eine Straße vorbeiführt und er diese benutzt hatte. Weitere Voraussetzungen, wieder grob herausgegriffen: der Bau der Straße, die Geburt des Passanten. Letztlich stellt sich heraus, dass alles mit allem zusammenhängt: Der Unfall wäre nicht ohne den Kauf des Blumentopfes und nicht ohne das Anziehen der Kleidung, ohne die der Passant nicht ins Freie gegangen wäre, und beides nicht ohne die Evolution und den Urknall herbeigeführt worden.
Diese universelle kausalistische Verflechtung spricht zunächst für einen strengen Determinismus allen Geschehens, der für Zufall nur in dem Sinn Raum lässt, als es sich dabei um wegen der Komplexität der Kausalzusammenhänge unvorhergesehene Ereignisse handelt.Diese Sicht wird jedoch dadurch widerlegt, dass sie wegen der prinzipiellen Voraussehbarkeit aller Ereignisse Eingriffe zu deren Vermeidung zulässt. Denn wenn ich weiß, dass mir morgen ein Blumentopf auf den Kopf fällt, werde ich Häuserfronten meiden und dadurch die Notwendigkeit allen Geschehensablaufes insoweit außer Kraft setzen. Dagegen kann nicht eingewendet werden, dass auch dieser willensgesteuerte Eingriff vorherbestimmt gewesen sei, denn er wäre dann wegen seiner prinzipiellen Voraussehbarkeit wiederum zur Disposition gestanden und so weiter. Ich hätte mich also – um beim Beispiel zu bleiben -durchaus nicht zu entschließen brauchen, dem Blumentopftreffer auszuweichen, sondern ihn, mit einem Schutzhelm versehen, gerade erwarten können. Strenger Determinismus führt sich also wegen der damit notwendig verbundenen prinzipiellen Voraussehbarkeit, die Eingriffe zulässt, ad absurdum.
Die Abfolge von Ursache und Wirkung entpuppt sich als nichts anderes als der zeitliche Ablauf eines Geschehens (vergleiche bereits oben).
Welchen Sinn sollte im übrigen eine vorausbestimmter Entwicklung, ja die Zeit überhaupt, haben? Warum ist das Ziel nicht einfach schon existent?
Bei der Vorstellung von Zufall als ursachenloser Wirkung dient die Zeit einer nicht (völlig) festgelegten und daher unendlichen Seinsvielfalt, wobei auch sie selbst mit dem Sein und dem Zufall zufällig aus dem Nichts mit seinen unendlichen Möglichkeiten entstanden ist.Da der Zufall dann aus dem Nichts im Sein „geschieht“, markiert er genau so wie Ursache und Wirkung die Zeit und kann genau so als bloßes zeitliches Folgeereignis angesehen werden.Er unterscheidet sich von der ursachenbestimmten Wirkung dann nur dadurch, dass er prinzipiell nur statistisch voraussehbar ist(vergleiche die Quantentheorie).Die Abgrenzung zwischen Notwendigkeit und Zufall verschwimmt daher: Kausalketten sind prinzipiell vorhersehbar, aber wegen ihrer Komplexität nur eingeschränkt, und wegen ihrer Steuerbarkeit nicht endgültig festgelegt; Zufälle sind wegen ihrer originären Natur prinzipiell unvorhersehbar, aber statistisch prognostizierbar und daher ebenfalls beeinflussbar.In beiden Fällen nimmt der menschliche Wille Einfluss, der eine Zwitterstellung einnimmt: vorausbestimmt durch die ihn bildenden neuralen Faktoren, originär aber wegen der dabei verbleibenden Unschärfen.
Die Frage, ob und inwieweit die Zukunft erschließbar ist, führt zur paradoxen Antwort, dass ein vorhersehbares Ereignis unvorhersehbar sein kann:
Dem Delinquenten wird eröffnet, dass er in der nächsten Woche an einem von ihm nicht vorhersehbaren Tag mittags hingerichtet wird. Demnach scheidet der Sonntag der nächsten Woche (letzter Wochentag) für die Hinrichtung aus, da sonst bereits am Samstag nachmittag vorhersehbar wäre, dass sie am letzten verbleibenden Tag stattfinden würde. Ebenso scheidet der Samstag aus, weil sonst am Freitagnachmittag voraussehbare wäre, dass, da auch der Sonntag ausscheidet, nur der Samstag verbliebe. Auch jeder andere Wochentag scheidet aus analogen Gründen aus. Und doch (und gerade deshalb) erfolgt die Exekution völlig überraschend an einem dieser theoretisch ausgeschiedenen Tage!
Die Zeit, als Kausalkette verstanden, verbietet Zeitreisen.Sonst könnte man in der Vergangenheit landen, ohne dort gewesen zu sein. Man könnte den eigenen Vater vor der eigenen Zeugung umbringen und doch gezeugt sein. Man könnte in der Zukunft ankommen, ohne dort sein zu werden. Man könnte dort eine Katastrophe erleben, die man, in die Gegenwart zurückgekehrt, durch vorbeugende Maßnahmen verhüten könnte.Während der Aufenthalte in der Zukunft oder in der Vergangenheit wäre man nicht in der Gegenwart, so dass man nach der Zurückkehr in sie sich wegen der hinterlassenen Lebenszeitlücke nicht an die Weltzeitreisen erinnern könnte.
III Dass unser Denken strukturdeterminiert ist, so dass es sinnlos erscheint, über eine Wahrheit außerhalb desselben nachzudenken, ist in den Kognitionswissenschaften unbestritten und hat sich auch in den modernen Naturwissenschaften offenbart. Die vorstehend abgehandelten menschlichen Vorstellungskategorien beispielsweise sind zu streng, um insbesondere folgende Phänomene erfassen zu können:
Die beobachtungsunabhängige „verschwommene“ Existenz subatomarer Materieteilchen in der Quantenphysik ( Dualismus Welle-Korpuskel und die Heisenberg´schen Unschärferelationen ) zwingt uns zu einer komplementären Beschreibung mit den gegensätzlichen oder sich sonst einander ausschließenden Begriffen der Begriffspaare Ja-Nein, Sein-Nichtsein, Wahrheit-Unwahrheit, Raum-Zeit, Geist-Materie und Objekt-Subjekt.
Auch die virtuellen Teilchen aus dem Vakuum überbrücken den Gegensatz Sein-Nichtsein und heben ebenso wie der Quantensprung (in der Biologie die Genmutation), die abrupten Phasenübergänge in der Chaosforschung und die Synchronizität (IPR-Paradoxon) die Trennung von (raumzeitlicher) Ursache und Wirkung auf.Die unvorstellbare creatio ex nihilo ist Realität.Da die individuelle Kausalität in der Quantenphysik einer bloß statistischen weicht und die in Furkationen verlaufende Entwicklung chaotischer Systeme die Prognose begrenzt (Prognosehorizont in der Chaoslehre), verliert der Gegensatz zwischen Zufall und Notwendigkeit seine Schärfe, auch in der Evolutionslehre der Biologie (Zusammenspiel von „zufälligen“ Mutationen und „notwendiger“ Selektion bei der Adaption).
Die rückbezügliche und selbstschöpferische dynamische Verwobenheit der Beziehungen und Einflüsse in und auf chaotische Systeme sowie die Empfindlichkeit solcher komplexer Strukturen gegenüber einer Veränderung ihrer Anfangsbedingungen („ Schmetterlingseffekt“) lassen eine scharfe Trennung zwischen Ganzem und Teil sowie eine strikte Unterscheidung zwischen Ordnung und Chaos nicht mehr zu. Auch das experimentell bestätigte EPR-Paradoxon in der Quantenphysik(Teleportationen) hat gezeigt, dass alles mit allem zusammenhängt (holistische statt reduktionistischer Betrachtungsweise).
Bereits durch die noch der klassischen Physik zuzuordnende Relativitätstheorie ist das Gefüge unserer Vorstellungen strapaziert worden, nämlich hinsichtlich Raum und Zeit (gegenseitige Abhängigkeit), „Geist“ und Materie (Umwandelbarkeit von Energie und Materie) und Objekt und Subjekt (Relativität der Erscheinungen).
Beitrag von Knut Hacker, 2010-01-03 17:24
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