Die philosophische Grundfrage - auch aus theologischer Sicht
Die philosophische Grundfrage,
warum überhaupt etwas ist und nicht nichts (Leibniz: „... so wird die erste Frage, die man mit Recht stellen darf, die sein: Warum es eher Etwas als Nichts gibt“), löst sich in der Haltlosigkeit ihrer anthropomorphen und daher naiven Prämissen auf.
Das gilt erst recht für die spezifische theologische Abwandlung der philosophischen Grundfrage, der
Frage der Theodizee
in der Variante,
warum Gott trotz seiner Allmacht das Sein geschaffen hat, obwohl dem Nichts wegen der Unvollkommenheit und Leidhaftigkeit (einschließlich des Bösen und Ungerechten) des Seins Vorzugscharakter zukomme ( und Gott in seiner Vollkommenheit es nicht nötig gehabt habe, erst etwas zu erschaffen, das noch dazu der Entwicklung bedarf).
Die Untersuchung der Frageprämissen in abnehmender Abstraktion entzieht ihnen den Boden, wobei auch diese Untersuchung in letzter Abstraktion denknotwendig nicht ohne die Prämissen unserer Bewusstseinsinhalte und – strukturen auskommen kann und damit schon dieses Fehlen einer Metaebene – seinerseits wiederum ein Denkkonstrukt – alles Fragen als letztlich selbstbezüglich, nämlich unendlich regressiv oder zirkulär, in Frage stellt.
Hieraus ergibt sich schon der elementare Einwand gegen die Grundprämissen auch der philosophischen Grundfrage.
1) 1.Prämisse:Eine Frage stelle sich und könne beantwortet werden.
Fragen stellen sich lediglich in unserem Denken und erfahren nur innerhalb unseres Denkens Antworten, die letztlich wegen der Selbstbezüglichkeit des Denkens in der Wechselwirkung von Frage und Antwort in unendliche Regresse und Zirkelschlüsse münden ( Das zeigt sich an den klassischen logischen Paradoxien und den paradoxen Erkenntnissen der Quantenphysik).
Es stellt sich die Warum/Wozu-Frage – die Warum-Frage nach der Ursachenentwicklung in der Vergangenheit, die Wozu-Frage nach der Ursachenentwicklung in der Zukunft (Zweckrichtung) – aufgrund unseres kausalistisch-finalistischen Denkens ( innerhalb dessen wir sogar dem Zufall als Nicht-Ursache Determinierungsfunktion zusprechen, indem wir ihn in eine Wahrscheinlichkeit einbinden). Dieses ist in unserer Raum-Zeit-Vorstellung (mit ihren Unendlichkeitsparadoxien) befangen. Denn geschehen kann nur etwas in Raum und Zeit: sein nur im Raum, entstehen und sich entwickeln als Seiendes nur in der Zeit. Außerdem wird das kausalistisch-finalistische Denken von der Vorstellung eines in sich differenzierten (nicht holistischen) Seins eingeschlossen.Wir denken kontradiktorisch und reduktionistisch, das heißt in Gegensätzen (Ja-Nein; wahr-unwahr) und in der Unterscheidung von Ganzem und Teil, Einheit und Vielheit, erkennendem Subjekt und erkennbarem Objekt usw. trotz der verschwimmenden Grenzen (Zenons Teilbarkeitsparadoxien; Doppelspaltexperiment der Quantenphysik, EPR-Paradoxon; Chaosforschung und anderem).
Mit unseren Fragen werden Antworten erwartet und prädisponiert, die in die gleichen Bewusstseinsinhalte und -strukturen passen, aus denen sich die Fragen ergeben haben.
Diese Selbstbezüglichkeit ist schon aus unserem Denken heraus mangels zur Verfügung stehender Metaebene unauflösbar. Kein System kann sich aus sich heraus verstehen (Gödelcher Satz).
Die philosophische Grundfrage müsste daher eigentlich lauten: Warum fragen wir überhaupt?
Auch diese Überfrage ist aber natürlich letztlich unbeantwortbar.
Denn jede Antwort (auf jede Frage) löst letztlich immer rückbezüglich-zirkuläre Fragen aus: Warum gibt es überhaupt eine Antwort, und warum gerade diese? Warum müssen wir erst fragen, um Wahrheit zu finden? Wie können wir Wahrheit finden, wenn wir sie beim Suchen nicht bereits kennen (wie sollen wir sie mangels Metaebene erkennen)? Warum wollen und brauchen wir Antworten beziehungsweise Wahrheit?
Es gibt keine Wahrheit, auch nicht diese Wahrheit, dass es keine Wahrheit gibt, weil zur Verifizierung der Wahrheit eine Überebene erforderlich wäre und zur Verifizierung dieser Verifizierung wiederum eine Überebene usw., also die Verifizierung in einen unendlichen Transgress führte.
2) 2. Prämisse: Es gebe ein Sein, dieses könne (auch) nicht sein.
Diese Unterscheidung von Sein und Nichtsein entspricht unserem Denken in Gegensätzen.Dieses führt zu den bekannten Zirkelschlüssen: Gegensätze bedingen sich gegenseitig, indem sie sich gegenseitig ausschließen.In dieser wechselbezüglichen Bestätigung und Verdrängung sind sie ihrerseits in den gegensätzlichen Möglichkeiten gefangen, sich aufrechtzuerhalten oder aufzuheben.Ein unendlicher Regress in circulum et ad infinitum!
Übertragen auf die Seinsfrage:
Sein (= Alles) könne es nur geben, wenn es auch das Nichtsein ( bezw.Nichts) hypothetisch-alternativ gebe.Denn sonst gäbe es (wegen der Selbstverständlichkeit) auch keinen Begriff dafür (ohne Nacht bedürfte es keines Begriffes für „Tag“;ohne Krankheit wäre der Begriff Gesundheit überflüssig; von einer „analogen“ Technik konnte man erst sprechen, als auch die digitale entwickelt war).Das Nichts könne es aber nicht „geben“, da es ja sonst doch etwas wäre. Daher gebe es auch das Sein nicht (Gorgias von Leontinoi).
Sein und Nichtsein schließen sich nicht nur gegenseitig aus, sondern heben sich jeweils auch selbst in Selbstwidersprüchen auf:
Das Sein muss als „Alles“ (im Gegensatz zur bloßen Anwesenheit von etwas) notwendigerweise auch das Nichts umfassen.Das „Nichts“ (im Gegensatz zur bloßen Abwesenheit von etwas) muss andererseits „sein“, insbesondere das Sein umfassen, damit nicht etwas verbleibt.Es „ist“ schon allein als (wenn auch nicht vorstellbares) begriffliches Gedankenkonstrukt einer hypothetischen Alternative zum Sein.
Auch totale Bejahung und totale Verneinung widersprechen sich jeweils selbst. Die totale Verneinung bejaht sich selbst und die totale Bejahung umfasst auch die Verneinung.
Speziell das eigene Sein oder Nichtsein des Fragenden entzieht sich der Frage in der Selbstbezüglichkeit des Gegensatzes: „Cogito, ergo sum.“(Descartes), aber: Sum, ergo cogito!“ Mein Denken beweist meine Existenz, aber was beweist mein Denken? Im übrigen beweist mein Denken allenfalls dann meine Existenz, wenn es keine weitere Möglichkeit als diese oder ihre Verneinung gibt.Der Grundsatz der aristotelischen Logik vom ausgeschlossenen Dritten ist aber schon durch die Erkenntnisse der Quantenphysik von der „verschwommenen“ Existenz der letzten Seinsbereiche (Heisenberg´sche Unschärferelation) überholt ( mehrwertige Quantenlogik )!
3) 3.Prämisse: Das Sein müsse einen Grund/Zweck/Sinn haben.
Doch: Welchen Sinn sollte ein Sinn haben?
Außerdem: Grund und Zweck sind Seinsvorstellungen und -begriffe. Sie können daher dem Sein nicht vorgelagert werden, es transzendieren, ohne selbst bereits dem Sein anzugehören.
Im übrigen kann es außerhalb des Seins schon deshalb keine Kausalität oder Finalität geben, da diese über das Sein als solches hinaus seinsbedingte Raumzeit voraussetzen.Denn Grund und Ziel beziehen sich auf etwas, was entsteht und sich entwickelt, und setzen daher ein „Vorher“ und “Nachher“ sowie ein Gestaltungsobjekt in einem dafür offenen Medium voraus - ganz abgesehen vom ersten Grund und letzten Zweck, die in einem endlichen Re- beziehungsweise Progress untergehen und damit allen Gründen und Zwecken den Boden beziehungsweise Horizont entziehen.
Das Sein kann gar nicht entstanden sein, da Entstehung bereits Sein (Entwicklungsmöglichkeit) voraussetzt. Es kann auch kein Ziel verfolgen, da dieses außerhalb des Seins gesetzt worden sein müsste und damit bereits Sein wäre (Münchhausen kann sich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen!).
4) 4. Prämisse: Sein und Nichtsein seien miteinander vergleichbar.
Das (als solches spätestens von der Quantenphysik entlarvte) geistige Konstrukt von Grund und Zweck versagt daher und erst recht auch beim Versuch einer „Begründung“ des Seins aufgrund eines (hypothetischen) Vergleiches mit dem Nichtsein. Nichts, was für oder gegen das Sein spricht, spricht zugleich umgekehrt gegen oder für das Nichtsein. Denn das Nichts ist nicht vergleichsfähig, weil es überhaupt keine Fähigkeit (Eigenschaft) besitzt, nicht einmal diese Negation, geschweige denn einen besseren oder schlechteren Grund als das Sein oder auch nur überhaupt einen Grund für sich.
Aus der Perspektive des Seins mögen sich (bewusstseinsstrukturierte) Gründe für ( „beste aller Möglichkeiten“ nach Leibnitz ) oder gegen (Unvollkommenheiten, Leiden nach Schopenhauer; Entwicklungsbedürftigkeit) das Sein finden lassen. Das Nichts ist aber keine Alternativmöglichkeit, da nicht nur in ihm keine (bessere oder schlechtere), Perspektive besteht, sondern es auch aus dem Sein heraus keine Perspektive bietet, ohne doch etwas zu sein. Das Nichts reicht über die Abwesenheit der im Sein (in unserem Bewusstsein) für oder gegen dieses sprechenden Gründe hinaus; in ihm ist auch nichts abwesend, es umfasst, besser oder schlechter zu sein als das Sein.
5) Spezielle Prämissen der Theodizeefrage:
a) Im Widerspruch zur Prämisse der Allmacht Gottes, die ihrerseits auf die anthropomorphe Vorstellung zurückgeht, dass das Sein beherrscht werden müsse, steht die Vorprämisse der
Existenz Gottes,
denn ein seiender Gott wird vom Sein transzendiert. Er ist „primitiver“ als die Elementarteilchen in der Quantenphysik, die über Sein und Nichtsein (komplementär) erhaben sind (Heisenberg´sche Unschärferelation; Bonhoeffer: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“).
b) Im Widerspruch zur Prämisse der Vorexistenz Gottes steht die Prämisse, dass er das Sein erst erschaffen habe, abgesehen davon, dass eine Schöpfung - das Entstehenlassen von etwas noch nicht Vorhandenem - bereits Zeit und Raum voraussetzt und der Allmacht Gottes auch insofern widerspricht, als ein Allmächtiger nichts Neues und schon gar nicht Entwicklungen zu Zielen nötig hat.
c) Die Prämisse, dass Gott einen zureichenden Grund für die Schöpfung, wie sie ist, gehabt haben müsse, widerspricht ebenfalls der Allmacht, die nicht in den Grenzen der (menschlichen) Vernunft gefangen sein kann.
d) Die Prämisse, dass das Universum unvollkommen (Naturkatastrophen, Täuschungen, Mängel, Entwicklungsabhängigkeit usw.), leidhaft und vom Bösen und Ungerechten mitbestimmt sei, verabsolutiert und apriorisiert bloße Bewusstseinsinhalte, insbesondere des Menschen (Tiere kennen zwar Leiden, aber nicht die Wertung von Verhaltensweisen als böse und von Naturgegebenheiten und – geschehnissen als Unvollkommenheiten). Zu fragen ist daher, warum Gott den Lebewesen Bewusstseinsinhalte verliehen hat, mit denen sie nicht glücklich sind, letztlich, warum sie die Welt bipolar in der Unterscheidung von Positiv und Negativ sehen müssen und nach dem Grund fragen müssen.
Logische Antworten werden der über die Logik erhabenen Allmacht Gottes nicht gerecht, so:
Wenn Gott vollkommen ist, kann er keine vollkommen erscheinende Welt geschaffen haben, da sie dann er selbst (das Vollkommene) geblieben wäre.
Oder: Gäbe es nicht das Negative, gäbe es auch nicht das Positive.
Auch: Wenn die Welt beziehungsweise das Bewusstsein überhaupt nicht wäre, würden sich die in ihr aufgeworfenen Fragen gar nicht stellen, und wenn sie anders wäre, wäre ebenfalls zu fragen, warum so und nicht anders. Das Sein kann immer nur so sein, wie es ist, oder gar nicht. Gottes Schöpfung ist dann kontingent
Die Theodizeefrage krankt demnach bereits an der Prämisse, dass Gott, obwohl er in seiner (paradoxen) Allmacht letztlich als undenkbar definiert ist und daher jedem Beweis und jeder zweifelsfreien Offenbarungsmöglichkeit (umstrittener Christus) entrückt sein muss, dem Denken zugänglich sein könne. Mag er in seiner Undenkbarkeit auch lediglich erdacht worden sein (wie das Nichts), er kann jedenfalls immer noch so gedacht werden, dass er nicht „zerdacht“ werden kann.
Resümee:
Innerhalb unseres raum-zeitlich begriffenen Systems des Daseins können dessen Ursprung und Ende nicht wahrgenommen werden. Vielmehr verschwimmen diese Letztheiten – wie auch andere letztlich ebenfalls auf raum-zeitliche Vorstellungen zurückgehende Ultimitäten wie letzte Ursache, letztes Ziel, letzte Wahrheit, letzter Sinn – in der Unendlichkeit eines selbstbezüglichen Zirkels (unendlicher Re-oder Progress).
Denn vor, nach und außerhalb des Seienden kann Seiendes (Raum, Zeit, Ursache, Zweck usw.) nicht (gewesen) sein, und innerhalb des Seienden kann Seiendes nur im Sein entstanden sein, sein und entstehen. Einerseits kann also nichts Seiendes in ein Jenseits des Seins hinausweisen, andererseits ist diesseits des Seins alles Seiende letztlich nur in der Unendlichkeit des Seins (in allen zeitlichen, räumlichen und logischen Richtungen) und damit in sich selbst begründet:
Es ist so, weil es ist; wäre es nicht oder anders, dann eben letztlich nur, weil das Sein nicht bez. geradeso (anders) wäre. Das Sein in der Unendlichkeit des Alles umfasst auch das Nichts, das nur als Gegenteil von Seiendem innerhalb des Seins, als „seiende“ Negation, denkbar ist, nicht als Gegenteil des Seins überhaupt, da es dann ja - als Gegenteil, als Negation - immer noch Seiendes wäre, ein – wenn auch nicht mehr vorstellbares – Gedankenkonstrukt.
Daher „verschwimmt“ in der Quantenphysik der Mikrokosmos in der Heisenberg´schen Unschärferelation und in der Relativitätstheorie der Makrokosmos in der in sich gekrümmten Raumzeit.
14 Milliarden Jahre nach dem – wahrscheinlich unendlich in sich gekrümmten – Urknall herrschte bis zur Entstehung des Lebens blankes Sein: ein unendliches, totes, aber sich (trotz Unendlichkeit) entwickelndes All, gespenstisch, da es von niemandem wahrgenommen wurde (wenn nicht – nicht weniger gespenstisch – von einem einsamen Gott allein für sich); ein Universum nicht einmal „für die Katz´ “, da es sie noch nicht gab.
Auch heute, nach der Entstehung von Leben, hat dieses Sein nichts von seinem Gespenstcharakter eingebüßt:Es ist immer noch nicht einmal „ für die Katz´ “ da, weil diese es nicht wahrnehmen kann; auch für uns Menschen ist es unfassbar in seiner Unendlichkeit. Soweit wir es wahrnehmen (können), handelt es sich nur um einen unendlich kleinen Teil und noch dazu unter einem unendlich eingeschränkten Aspekt, nämlich der Zugänglichkeit für unsere Sinne, der Subjektivierung durch unsere Sinneseindrücke und unsere Gefühle sowie der Erfassbarkeit mit unseren selbstbezüglichen Denkstrukturen, die uns in letzter Konsequenz immer nur im Kreis der unendlichen Re-und Progresse herumführen (strukturdeterminiertes Bewusstsein).
Beitrag von Knut Hacker, 2010-01-20 20:34
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