Intelligent Design ?
„Intelligent Design“?
I Negativbeispiele
Josef Kardinal Ratzinger, der jetzige Papst, stellte nach einem gemeinsam mit seinem Bruder unternommenen Besuch im Naturhistorischen Museum in Wien fest:“Wir waren bestürzt über so viel Schreckliches in der Natur.“ ( Josef Helmut Reichholf, Biologe, in „Bild der Wissenschaft“, 9/2007, „Schöpfung: mangelhaft!“).Was hatte er gesehen?
„Da klettert in einer spätsommerlichen Wiese eine dicke Ameise am Grashalm hoch, dreht sich kurz unterhalb der Spitze um und fängt an, mit dem Hinterleib auf und ab zu wippen. Was wie eine Ameise aussieht, ist jedoch das Larvenstadium einer Wanze. Sie ahmt die Ameisenform täuschend ähnlich nach. Dennoch ist ihr Verhalten unnormal. Ausgelöst wird es nämlich von einem fadendünnen, über fünf Zentimeter langen Wurm, der den ganzen Hinterleib der Wanze ausfüllt und ausgefressen hat. Das auffällige Wippen macht kleine Singvögel neugierig. Sie verzehren die süßlich schmeckende Wanze und nehmen damit den Wurm auf, für den sie so zum Überträger werden. „Rotrückiger Irrwisch“ heißt diese Wanzenart, weil sie sich ihren Feinden behände zu entziehen weiß. Nicht so die vom Wurm parasitierte Larve: Sie bietet sich geradezu an, gefressen zu werden. Schön intelligent – im Sinne des Wurms!
Ähnliches verursacht ein ganz anderer Parasit aus der Gruppe der Saugwürmer im „Fühler“ von Bernsteinschnecken. Er lässt den Augenstiel anschwellen und pulsieren, was wiederum Singvögel anlockt.
Raffiniert wirken solche durch parasitische Verführungen verursachten „Umprogrammierungen“ allemal. Doch was wird sich der intelligente Designer dabei gedacht haben, als er derartiges auf die Bahn brachte?
Gar nicht raffiniert, sondern eklig ist es, wenn die Larven bestimmter Fliegen anderer Arten Nase, Stirn und Augen zerfressen oder wenn rundliche Köpfe „süßer“ Kaninchen von Myxor.. so entstellt werden, dass die armen Tiere verschw.ellen,torkeln und elend zugrunde gehen...
Wie lassen sich weiter die Millionen ausgestorbenen.., die vielen erdgeschichtlichen Großkatastrophen ,Mezeoriteneinschläge, Vulkanausbrüche, Überflutungen und
Kontinentalverschiebungen mit einem intelligenten Plan vereinbaren..“(Reichholf a.a.O.)
„Man gehe nur einmal durch das Naturhistorische Museum – und Gott ist ebenso nahe wie fern. Es ist unmöglich, ihm vor dieser unübersehbaren Gestaltenwelt, dieser entsetzlichen Fülle der Erfindungen zu leugnen.... Der schönste Vogel hascht im Fluge den schönsten Schmetterling; er pflückt die Schwingen ab und lässt sie dahinwehen und verschlingt den zarten Leib, der sich für seine kurze Dauer mit ein wenig Nektar begnügte und schutzlos das Farbenspiel der Flügel, ein Blitz aus den Händen des Vaters, an die Welt verschenkte.... Und das Antlitz des Vaters? Das ist ganz unfassbar.... Die Bewunderung der Zweckmäßigkeit, mit der ein Tier zur Vernichtung des anderen ausgestaltet ist,... grenzt an Verzweiflung.... Das Leben ist bereit, einen jeden seiner Werte der Sinnlosigkeit in den aufgesperrten Rachen zu werfen....“( Reinhold Schneider)
Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Man denke an die Konstruktionsfehler bei Lebewesen:
Wale und Robben sind farbenblind.Walrosse steigen immer wieder auf Klippen, um sich dann von dort herdenweise in den Tod zu stürzen. Pottwale tauchen immer wieder in die Tiefen des Meeres, um sich dort auf lebensgefährliche Kämpfe mit den Riesenkraken einzulassen, obwohl sie ihren Eiweißbedarf auch über Fische decken könnten.Zahnwale verlieren in der Tiefe des Meeres ihre sexuelle Orientierung. Die Giraffe bekam durch die Evolution meterlange Beine und einen noch längeren Hals, was weit mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringt. Der Gepard wird durch die Schnelligkeit bei seiner Beutejagd so ausgepumpt, dass ihm die Beute durch Hyänen und andere Räuber wieder weggeschnappt wird.Der Albatros erreicht eine Flügelspannweite von über drei Metern, so dass er es oft nicht schafft, sich vom Boden abzuheben, und wenn er es geschafft hat, über eine halbe Stunde lang sein rasendes Herz zur Ruhe kommen lassen muss und oft nur eine Sturzlandung schafft, bei der er sich die Knochen bricht. Hummeln müssen wegen ihres Gewichtes ihre Flugziele genau kalkulieren.Dennoch fliegen sie auch im Spätsommer noch Silberlinden an, obwohl sie dort nicht mehr genug Nektar für ihren hohen Energiebedarf vorfinden und daher verhungern.Pinguine unternehmen überflüssige Wanderungen, so dass sie verhungern. Koala-Bären verhungern, weil sie nur eine ganz bestimmte Eukalyptus-Art fressen und 20 Stunden pro Tag schlafen müssen. Panda-Bären vernachlässigen ihren Sexualtrieb,so dass sie aussterben.Elche gieren nach Fruchtalkohol und gefährden sich dadurch.(Beispiele nach Jörg Zittlau)
Cryptostylis- imitieren weibliche Wespen derart perfekt, dass die Männchen mit der Blüte kopulieren und Sperma hinterlassen.Regenwürmer kriechen bei Regen aus der Erde, weil die Regentropfen Erschütterungen erzeugen, die die Würmer dahin falsch deuten, Maulwürfe nahten. Ein Berggorilla bringt, wenn er einen neuen „Harem“ übernimmt, alle Jungtiere unter drei Jahren um, damit die Weibchen sofort wieder empfängnisbereit werden.
„ Nicht genug, dass Atemeles deren Ameisenpuppen und -larven verspeist. Er lässt sich von seinem unfreiwilligen Wirt auch noch bis an den reich gedeckten Tisch transportieren...ist es ihm gelungen, den Geheimcode der „ Ameisensprache“ zu knacken. Mit diesem Wissen spaziert der schwarze Käfer seelenruhig in das Ameisennest hinein...Trifft Atemeles auf eine Ameise, betrillert er zunächst mit seinen Fühlern im feinsten Ameisen-Esperanto den Körper der Arbeiterin. Wendet sich die derart Angesprochene ihm zu, hebt der Käfer sein Hinterteil, um seinen letzten Trumpf auszuspielen: eine Drüse, die ein Beruhigungsmittel produziert. Dargereicht als mundgerechtes Sekret, wird der Tranquillizer umgehend von der Ameise aufgeleckt. Während die so Besänftigte in eine “Peace,please“-Stimmung verfällt, geht Atemeles zum dritten Teil seines Täuschungsmanövers über. Dabei präsentiert er der Ameise seine Adoptionsdrüsen an den Körperflanken. Diese verströmen ein Pheromon, welches den von der Ameisenbrut abgegebenen Duftstoffen ähnelt. Das fein komponierte Plagiat raubt der Ameise den letzten Rest an Verstand. Ihrem genetisch programmierten Brutpflege-Programm folgend, kann sie gar nicht anders, als den Käfer schleunigst in die eigene Brutkammer zu tragen.
Während jede Leuchtkäfer-Spezies über ein unverwechselbares Blinkmuster verfügt, können Photuris-Weibchen das Signal von anderen Arten nachahmen. Nähern sich deren Männchen in eindeutiger Absicht, verwandelt sich das Photuris- Weib in eine Femme fatale. Statt Liebeslust treibt sie nur eines: Mordshunger! Mit tödlicher Präzision beantwortet sie die genau getakteten Flirtbotschaften des jeweiligen Leuchtkäfer-Gigolos. Doch kaum sind die artfremden Verehrer gelandet, ist es um sie auch schon geschehen. Wie eine böse Fata Morgana muss ihnen die verführerische Killerin vorkommen, die den Freier sofort verspeist.
Hemmungslos schlüpfen sie (die Schnabelfliegen-Männchen) in die Rolle des freiwilligen Frauenzimmers. Unverfroren nähern sie sich dem Ahnungslosen und senken, ganz Dame, die Flügel im Stile eines paarungsbereiten Weibchens. Eine unwiderstehliche Aufforderung, der kein Mückenhaft-Gentlemen widerstehen kann. In besten Fortpflanzungsabsichten reicht er dem Weibe sein Geschenk. Bis der Betrogene merkt, dass er einem Lügner aufgesessen ist, ist diese über alle Berge.
Als wahre Lügenbarone des Tierreichs gelten die Affen. Ein beliebtes Mittel, um andre auszutricksen, ist bei ihnen der falsche Alarm. Von den Languren Indiens wird berichtet, wie Rangniedere eine Beinverletzung des Ranghöchsten ausnutzen und ihm reife Früchte streitig machten. Der Alpha-Affe-ein erfahrener Haudegen-stieß während einer solchen Rempelei unvermittelt kehlige Laute aus, wie sie sonst nur zu hören sind, wenn Gefahr droht: von Leoparden zum Beispiel. Der Alarm schickte die anderen Affen sofort auf die Bäume. Alpha aber blieb ruhig am Boden sitzen und verzehrte genüsslich seine Früchte.“ (Helge Sieger,PM 10/2009 )
„Es geht nicht mehr nur um das Natur-Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens, des Stirb und Werde, nicht mehr nur darum, dass das Schwächere dem Stärkeren unterliegt, das Überwundene vom Siegreichen aufgezehrt wird...Vielfältige Beobachtungen veranlassen uns, bewusster wahrzunehmen, dass auch Tiere – und zwar sowohl im Jäger-Beute-Verhältnis wie innerhalb ihrer Art – anderen Tieren, wie deren Stresssymptome und oft verzweifelte Schreie zeigen, gnadenlose Pein zufügen und ein qualvolles Ende bereiten können...
Die Verstörung kann noch wachsen, wenn wir erfahren, dass bei 2-4 Prozent der neugeborenen Menschenkinder angeborene Auffälligkeiten, teilweise bis hin zu schweren Fehlbildungen, auftreten, darunter auch zunächst nicht bemerkbare erbliche Enzymdefekte, die im Laufe des Lebens zu Zerstörung lebenswichtige Organe führen...“( Hans Kessler, Theologe, „Das Leid in der Welt-ein Schrei nach Gott“).
II Bewertung
Die Vertreter des „Intelligent Design“ „ haben offenbar noch nie einer menschlichen Geburt beigewohnt, geschweige denn sie durchgestanden, oder einen Bandscheibenvorfall erlebt oder an Weisheitszahndurchbruch gelitten – gar nicht zu reden von einem außer Rand und Band geratenen Immunsystem in einer Autoimmunkrankheit; welcher Optiker würde wohl ausgerechnet einen blinden Fleck in die Augen gebaut haben?“ (Hubert Martel , concilium, Zeitschrift für Theologie,6/1010)
III Stellungnahme
1) Schon die angeführten Beispiele belegen, dass das angebliche Schöpfer- Design, gemessen an der Allmacht, die diesem Schöpfer zugeschrieben wird, alles andere als „intelligent“ ist.Wir selbst machen die tägliche Erfahrung von Irrtum und Unzulänglichkeit.
2) Die Wertung als intelligent ist ein Anthropomorphismus. Gott entzieht sich jeder Wertung.Er hat die Möglichkeit einer Wertung als Schöpfer erst geschaffen.(Hiob 38,5).
3) Eine perfekte Welt erschiene uns nicht als perfekt, denn wir hätten dann diesen Beurteilungsmaßstab und -begriff überhaupt nicht.
4) Der aufgezeigte Zustand der mangelnden Perfektion ist kein Negativum. Jede Welt muss irgendwie beschaffen sein. Die Möglichkeit eines Vergleichs mit einer möglichen anderen Welt ist ausgeschlossen, weil die Vergleichsmöglichkeit erst Gegenstand einer Beschaffenheit ist und daher nicht bereits der Potenzialität von Welten angehören kann.Die mangelnde Perfektion ist daher kontingent wie auch die Wertung als negativ.
5) Die Wertung der Schöpfung als intelligent erinnert an das sogenannte anthropiche Prinzip.Man schließt aus der äußersten Unwahrscheinlichkeit der Entstehung von Leben darauf, dass der Urknall auf die Entwicklung des Lebens angelegt gewesen sei. Das ist eine denkfehlerhafte Betrachtung ex post..
Genauso ist es denkfehlerhaft, die menschliche Bewertung als intelligent dahin zu verabsolutieren, dass dem zu Bewertenden selbst eine solche Eigenschaft zukomme.Ein Werturteil ist keine Eigenschaft, und Gott wird nicht durch Eigenschaften transzendiert.
Es handelt sich um einen typischen Fall einer unzulässigen Übertragung einer intensionalen auf eine extensierende Betrachtungsweise ( μετάβασις εἰς ἄλλο γένος ).
Beitrag von Knut Hacker, 2010-06-10 19:56
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- Intelligent Design ? (Knut Hacker, 2010-06-10 19:56)
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