Herkunft der "nachtodlichen Belehrungen" von Jung-Stilling
Lieber Herr Gross,
bei uns im Seminar wurden im letzten Sommersemster diese in vielen Foren diskutierten, in der Regel gleichsilbig in paarig gereimte Jamben gefassten "Jenseitsberichte" in einem Referat behandelt.
*Sprachlich* verweisen sie eindeutig auf die Schweiz: es häufen sich im Text Helvetismen wie "gesamthaft", "allfällig", "innert" , "Abdankung", "Unterbruch", "Zustupf" usw. Der Verfasser vermeidet alle Fremdwörter; er selbst ist aber nachweisbar des Griechischen und Lateinischen mächtig.
*Theologisch* sind sie sehr schwer einzuordnen. Teils werden traditionelle Vorstellungen aus dem religiösen Denken von Johann Heinrich Jung-Stilling sichtbar; diesen ordnet man dem "aufgeklärten Pietismus" zu. Es finden sich jedoch ebenso viele Gedanken aus der neueren Theologie verarbeitet, mit deutlichen Anklängen an Barth, Niebuhr, Rahner oder Gogarten und dessen Akzentuierung der dialektischen Theologie. Aber auch das aristotelisch-scholastische Denken scheint dem Verfasser sehr gut bekannt zu sein; in der grösseren Abhandlung "Vom Handeln im Diesseits und Wesen im Jenseits" kommt das ganz deutlich zum Ausdruck. In jedem Falle sind aber alle "nachtodlichen Belehrungen" streng christologisch zentriert.
Wenn in anderen Foren gemutmasst wurde, es müssten wegen der Breite der Erörterungen (neben der Theologie und Philosophie auch die Technik, Soziologie und Ökonomie; man sehe sich hier nur einmal "Das Herzstück richiger Wirtschaftslehre" oder "Vom folgeschweren Autowahn" an) verschiedene Autoren am Werke gewesen sein, so spricht das *Sprachliche* gegen diese Annahme. Es ist kaum denkbar, dass mehrere Verfasser
- in der gleichen Sprechweise
- in der gleichen Sprache aus einem spezifischen Wort-Schatz
- in gleicher Versifikation
die "nachtodlichen Belehrungen" geschrieben haben könnten; wiewohl das nicht völlig auszuschliessen ist.
Die "nachtodlichen Belehrungen" sind auf dem Server der Universität Siegen abgelegt. Dort betreut der Wirtschaftsprofessor Dr. Gerhard Merk das "Forschungsprojekt Jung-Stilling". Es ist zu vermuten, dass jemand aus dem Kreis der Jung-Stilling-Leute der Autor der "nachtodlichen Belehrungen" ist. Es wird auch die Meinung vertreten, dass Professor Merk derjenige ist, welcher alle Texte geschrieben habe. Wie aber andererseits seinem Lebenslauf (http://www.uni-siegen.de/~merk/Persönliches) zu entnehmen ist, kommt Professor Merk aus Mannheim, also *nicht* aus der Schweiz.
Wie immer es auch sei: interessant, zum Nachdenken und auch zum Widerspruch anregend sind diese Texte allemal.
Viele liebe Grüsse, Valentin Schell.
Beitrag von Valentin, 2004-12-28 12:28
Antwortbaum
Praktische Theologie : Alle Themen
Formular für Deine Antwort